Da trafen sich vergangene Woche in Washington zwei, die aus demselben Holz geschnitzt sind: Beide glauben, dass sie dazu ausersehen sind, ihre Völker zu retten und zu neuer Größe zu führen. Beide verachten die kritische Presse ihres Landes und fürchten die unabhängige Justiz. Beide kämpfen gegen die traditionellen Eliten. Beide wissen mit den neuen Medien umzugehen und sind hochbegabte Kommunikatoren. Israels Premier Benjamin Netanjahu und der US-Präsident Donald Trump sind Twitter-Twins. Und politische Zwillingsbrüder im Geiste.

Während über den amerikanischen Präsidenten aber derzeit fast täglich ein neues Porträt geschrieben wird, fast so, als hätten die Verfasser Gelegenheit dazu gehabt, ihn auf die Couch zu legen, hat man offensichtlich aufgegeben, den israelischen Premier ergründen zu wollen. Netanjahu hat viel dazu getan, keine persönliche Nähe zwischen ihm, Parteifreunden und Journalisten aufkommen zu lassen. Was ihn bewegt, will er durch seine Politik ausdrücken. "Ich hasse all dieses Psychogebrabbel", hat er einmal einen Reporter angefahren, als der etwas über Netanjahus Vorbilder und den Einfluss seiner Familie wissen wollte. Merkwürdig: Die ganze Nation ist per Du mit ihrem wichtigsten Politiker, nennt ihn "Bibi", als wäre er ein ewiges Kind, das nie erwachsen wird – und fremdelt doch mit ihm, hat fast so viel Mühe wie der Rest der Welt, ihn zu verstehen.

Aber es gibt zumindest Hinweise, die helfen können, Netanjahus Charakter und seine persönliche und politische Prägung einzuschätzen. Dazu gehören einige Beobachtungen aus den gut vier Jahrzehnten, die ich ihn kenne.

Zum ersten Mal haben wir uns 1976 getroffen, da war er Mitte zwanzig, und der Anlass war ein triumphaler für die Nation und ein sehr trauriger für die Familie. Jonatan "Joni" Netanjahu, sein älterer Bruder, war im ugandischen Entebbe ums Leben gekommen. Er hatte das tollkühne israelische Kommandounternehmen Thunderbolt ("Blitzschlag") angeführt, bei dem mehr als hundert Air-France-Passagiere aus der Hand von Entführern befreit wurden. Vier Geiseln starben, Benjamin Netanjahus älterer Bruder war das einzige Opfer der Spezialeinsatzkräfte. Vater Benzion hatte einen befreundeten Israeli und mich zur Trauerfeier in sein Jerusalemer Haus eingeladen.

Wenn er sprach, wagten weder Bibi, der vier Jahre zuvor bei einem Einsatz gegen Terroristen selbst angeschossen worden war, noch dessen anderer Bruder Iddo – auch er, ein Radiologe, diente in der Eliteeinheit Sajeret Matkal –, das Wort zu ergreifen. Der Vater war der Patriarch, der sagte, wo es langging. Er hielt die Opferbereitschaft seiner Söhne für selbstverständlich. Entebbe war nach Ansicht Benzion Netanjahus ein Symbol dafür, dass Juden sich das Heft auch in einer scheinbar ausweglosen Situation nicht aus der Hand nehmen lassen. Er sah keinen großen Unterschied zwischen Terroristen und denen, die jenseits der Grenzen dem Judenstaat "nur" misstrauisch gegenüberstanden. Arabern sprach er grundsätzlich die Fähigkeit zum Frieden ab. Zitat: "Die Neigung zum Streit liegt in der Natur des Arabers, er ist unser geborener Gegner, der Kriegszustand ist immerwährend."

Der Vater sah sein Volk in einem permanenten Überlebenskampf

Als Sohn eines Rabbiners in Warschau geboren, war dieser Benzion Mileikowski 1920 mit seinen Eltern ins Heilige Land ausgewandert, hatte dort den hebräischen Familiennamen Netanjahu (etwa: "Gottesgeschenk") angenommen. Er schrieb für eine Zeitung, die 1935 wegen "Hetze" von der britischen Mandatsverwaltung verboten wurde. Den Teilungsplan der UN, der ja 1948 erst zur Gründung des jüdischen Staates führte, bekämpfte er vehement: Er glaubte immer an das biblische Recht auf ein Großisrael, sah sein Volk im permanenten Überlebenskampf – und konnte seine Söhne darauf hinweisen, dass er als einer der wenigen frühzeitig vor dem Holocaust gewarnt hatte. Er gab ihnen mit auf den Weg, dass sie dazu auserwählt seien, eine neue Schoah zu verhindern. Später wurde er Herausgeber der Encyclopaedia Hebraica und damit zu einem bedeutenden Historiker. Ein politischer Scharfmacher blieb Benzion Netanjahu zeitlebens; er wurde 102 Jahre alt.

Bibi hat den Übervater verehrt, dessen Radikalität bewundert – und diese zumindest teilweise übernommen. Er hat ihm ein Buch über Terrorismusbekämpfung gewidmet. Und er tat alles, seinen gefallenen Bruder zum Nationalhelden, zur Legende zu machen. Er sammelte und veröffentlichte Jonis Briefe, sorgte dafür, dass das Kommando von Entebbe in "Operation Jonatan" umgetauft wurde. Es schien, als müsse er sich an dem Opfer des Bruders abarbeiten, dessen Vermächtnis durch eigene Kompromisslosigkeit bewahren.

Das nächste Mal traf ich Netanjahu Ende der achtziger Jahre. Er hatte da schon sein Managementstudium in Massachusetts abgeschlossen, sich dem konservativen Likud angeschlossen und war schnell zum UN-Botschafter seines Landes in New York aufgestiegen. Ein Mann, der sich seines guten Aussehens bewusst war, selbstsicher, klug, höflich, ein Schwiegermutter-Traum. Die USA waren seine zweite Heimat. Was er an dem Land so bewunderte, waren eher die erfolgreichen Geschäftsleute als die in seinen Augen zu unflexiblen demokratischen Institutionen.