Er spricht das so routiniert aus, als sei die Vielweiberei die normalste Sache der Welt. Die erste Frau, erzählt er, habe er erst islamisch in einer Moschee und danach vor einem deutschen Standesamt geheiratet, die zweite Frau lediglich islamisch. Er spricht nicht gern über sein Privatleben. Ein biodeutscher Kollege bei der Arbeit habe ihn schief angeschaut, als er von seinen beiden Ehefrauen gesprochen habe. Seitdem sei er vorsichtiger geworden. "Dabei huren die Deutschen ja auch die ganze Zeit herum – nur ohne die Frauen zu heiraten", sagt Ismail.

Er schnippt seine Zigarette auf den Boden, entschuldigt sich kurz, dreht sich um und nimmt eine Sprachnachricht mit seinem Handy auf: "Hallo, ich komme heute bei dir vorbei, ich bringe etwas zu essen mit, bis später, inschallah."

Seine Zweitfrau sei auch böse auf ihn, sagt Ismail, er habe sich schon seit einer Woche nicht bei ihr blicken lassen. Ihren Kinderwunsch könne er ihr nicht erfüllen, da seine beiden Töchter aus der ersten Ehe schon so viel kosten würden. Deswegen sitze seine Zweitfrau oft allein in ihrer kleinen Wohnung. "Das ist schlecht, weil die Scharia besagt, dass wir alle Ehefrauen gleich behandeln sollten", findet Ismail. Vers vier der Sure Die Frauen: "Und wenn ihr fürchtet, ihr könnt nicht billig handeln, dann (heiratet nur) eine oder was eure Rechte besitzt."

Ismail schüttelt den Kopf. Er hat Schuldgefühle, weil er sie eben doch wie eine Haupt- und eine Nebenfrau behandle. Irgendwie sei die Vielweiberei eine "theologische Falle", habe er mittlerweile gemerkt.

Es ist ein bisschen wie im Fernsehen. Das arabische Pendant zur Schrecklich netten Familie lief Anfang des Jahrtausends auf einem arabischen Sender. Es gab fast keinen Haushalt zwischen Casablanca und Bagdad, in dem die Serie nicht geschaut wurde. Haj Metwali’s Family erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich aus der Armut hochgearbeitet hat, um am Ende vier Frauen zu heiraten. Die Polygamie stürzt ihn aber in finanzielle und vor allem emotionale Krisen, seine Frauen fühlen sich stets betrogen. Im kollektiven Gedächtnis der (jungen) Araber hat sich festgesetzt, dass die Vielweiberei vielleicht doch nicht so toll ist wie in der Scharia beschrieben. "Ich fühle mich wie Haj Metwali", sagt Ismail unter dem Baugerüst.

Von den Tausenden Polygamisten, die angeblich in Neukölln leben, habe ich nach tagelanger Suche genau einen gefunden. Fehlt nur noch der Familienhelfer, auf dessen Zahl sich alle berufen. Sein Name ist Abed Halim Chaaban. Ich frage beim Bäcker, in der Moschee und im Kopftuchladen nach ihm.

An einem verregneten Dienstag sitzt er in der Ecke seines kleinen Büros im dritten Stock eines arabischen Integrationsvereins. "Die Journalisten, mit denen ich gesprochen habe, lügen, oder sie haben mich missverstanden", sagt Chaaban. Er habe vor Jahren mal einem Reporter erzählt, dass 30 Prozent der arabischen Ehen mit einer Scheidung endeten. "Von Polygamie war nie die Rede."

Das mit den zwei Ehen habe er sich irgendwie anders vorgestellt, hatte mir Ismail zum Abschied gesagt. Das ging den Journalisten bestimmt genauso.