Es muss gar nicht immer eine Lüge sein. Perfider und aus Sicht der Absender weitaus wirksamer sind jene Fake-News, die ein Körnchen Wahrheit enthalten, sich also auf ein tatsächliches Ereignis beziehen. Dieses wird dann aber so sehr verzerrt, dass es zur Unwahrheit wird. Solche Unwahrheiten finden am ehesten den Weg in die klassischen Medien, werden von Zeitungen oder Fernsehsendern übernommen und weitertransportiert.

In der Hochphase des amerikanischen Wahlkampfs erfuhren die meisten US-Bürger gar nicht durch ihre sozialen Netzwerke von Fake-News. Sie bekamen über die traditionellen Medien davon mit. Allen voran das Fernsehen hat in den Wochen vor der US-Wahl in Nachrichtensendungen und Talkshows über die kursierenden abstrusen Gerüchte und Lügen berichtet. Das machten sie zwar in hehrer Absicht: erklärend und kritisch. Doch sorgten die traditionellen Medien so für ein weitaus größeres Publikum dieser Falschmeldungen.

Und das ist im Wahljahr 2017 der eigentliche Hebel von Fake-News-Produzenten wie NewsFront, RT oder Sputnik: dass ihre vom Kreml gesteuerten Desinformationen in die Berichte der von den Deutschen hunderttausendfach benutzten Medien einsickern und sich so um ein Vielfaches verbreiten. Jeder einzelnen Falschmeldung werden die Bürger nicht glauben. Aber häufen sich die Verzerrungen und Fälschungen, verschieben sich die Grenzen des Sagbaren und Denkbaren. Dann gilt das Extreme als normal. Und das Unglaubliche als wahr. Genau das ist das Ziel der russischen Gerassimow-Doktrin.

Machtlos gegen Fake-News sind die westlichen Gesellschaften nicht, nur haben sie bisher nicht die absolut wirksame Medizin gefunden; kein Breitband-Antibiotikum, das alle Erreger erwischt. Zwar arbeitet Facebook an einem Faktencheck, bei dem mit journalistischen Methoden überprüft werden soll, ob verdächtige Meldungen gefälscht sind. ZEIT ONLINE gehört zu den Redaktionen, die prüfen, ob sie sich an diesem Faktencheck beteiligen. Aber so wichtig diese Idee ist: Sie hat Grenzen. Und auch beim sogenannten Abwehrzentrum gegen Desinformation, das der Bundesinnenminister aufbauen will, dürfte die Idee ungleich besser als die Wirkung sein: Die Regierung erweckt den Anschein, als habe allein sie den Anspruch auf Wahrheit gepachtet.

Wie sich Gerüchte in einem Wahlkampf verbreiten, von prorussischen Propagandaseiten über soziale Netzwerke in traditionelle Medien, ist gerade in Frankreich gut zu sehen. Dort prägte eine Falschmeldung tagelang die Nachrichten: Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron führe eine Scheinehe und sei in Wahrheit schwul. Ein französischer Parlamentsabgeordneter hatte dies in einem Gespräch mit der russischen Website Sputnik behauptet.

Der Artikel erschien am 4. Februar um 12.19 Uhr bei Sputnik, und von diesem Moment an brach ein Sturm über Macron herein. Binnen wenigen Tagen griffen mehr als 17.000 Blogeinträge, Twitter-Posts, Presseartikel, Radio- und Fernsehbeiträge das Gerücht auf und streuten es. Für ZEIT und ZEIT ONLINE hat das Kölner Unternehmen Unicepta analysiert, wie sich die Lüge weltweit verbreitete. In Frankreich überschlugen sich die Medien mit Berichten über Macrons angebliches Doppelleben.

Allerdings: Emmanuel Macron fiel der Falschmeldung nicht zum Opfer. Er fand Hunderte Unterstützer. Sie verteidigten ihn und schlossen die Reihen. Und die Medien begannen nachzuforschen, wo das Gerücht seinen Ursprung hatte. Von da an drehte sich die Diskussion.

Ob es immer gelingen kann, einen versuchten Rufmord so unbeschadet zu überstehen? Unwahrscheinlich. Macron steht dauernd unter Fake-News-Beschuss, und wie sich das bei der Wahl auswirken wird, ist ungewiss. Trotzdem macht dieses Fake-News-Beispiel auch Hoffnung für den deutschen Wahlkampf. Denn selbst das übelste Gerücht kann noch auf den Absender zurückfallen.

Mitarbeit: Kai Biermann und Arndt Ginzel