Geld verdirbt den Charakter – Seite 1

Vielleicht gibt es derzeit kaum einen Roman, der so schmerzlich den Epochenwandel in der amerikanischen Politik vor Augen führt wie Das geträumte Land, das Debüt der in Kamerun geborenen, seit gut einem Jahrzehnt in New York lebenden Imbolo Mbue. Donald Trump kommt darin nur in einer Randbemerkung vor, die gerade einmal drei Zeilen umfasst. Wenn Neni, die ihrem illegal in die USA eingewanderten Mann gefolgt ist, endlich ihr großes Ziel verwirklicht haben wird und als Apothekerin arbeiten darf, dann werde ihr Cousin Winston, bemerkt sie übermütig, eine Feier im Trump Hotel schmeißen. "Er wird Donald Trump persönlich einladen, uns ein Steak zu braten."

Der aktuelle Präsident der USA ist im Jahr 2008 nicht mehr als eine dekadente Witzfigur. Stattdessen zeichnet sich am Horizont eine andere Hoffnung ab: Barack Obama. Der Gewinner der kommenden Präsidentschaftswahlen steht in Mbues Roman für die Veränderung all jener Verhältnisse, die momentan noch verhindern, dass sich der Amerikanische Traum auch für Einwanderer wie Jende und Neni verwirklichen lässt. Wir Leser indes wissen, wenn es in diesem Roman etwa um das prekäre Krankenversicherungssystem geht, dass die ersehnten Fortschritte allenfalls ein historisches Intermezzo sein werden.

Dieses Wissen, das der Leser den Figuren und mit ihnen der Autorin voraushat, bedingt einen wesentlichen Teil der emotionalen Verve, die der Roman zweifelsohne erzeugt. Das jedoch wiegt kaum auf, dass die Geschichte, die Mbue erzählt, selbst so sehr in den engen Gehegen des Klischees eingepfercht ist, dass mitunter kaum zu unterscheiden ist: Wird mit dem Stereotyp gespielt, oder soll es dem Leser als erhellende Beobachtung vorgesetzt werden? Ersteres bleibt freilich zu hoffen.

Jende, der in Kamerun keine Aussicht auf eine Karriere jenseits des Hilfsarbeiters hatte, ist als einer von vielen Glückssuchern mit einem Touristenvisum in die USA gekommen, um nachträglich Asyl zu beantragen und nach langen Monaten der Trennung Frau und Kind nachzuholen. Nicht um politische Verfolgung geht es mithin, sondern um den allzu menschlichen Wunsch, die persönlichen Erfolgsaussichten, vor allem diejenigen der eigenen Kinder, zu verbessern.

Der Roman setzt ein, als Jende ein Vorstellungsgespräch hat, das er schweißüberströmt vor Nervosität und mit einer beinahe beschämenden Unterwürfigkeit, aber doch erfolgreich durchsteht. Fortan hat er einen Traumjob: als Chauffeur des Lehman-Managers Clark Edwards.

Mbue schafft auf diese Weise gleich in mehrfacher Hinsicht eine symptomatische Erzählsituation. Nicht nur hat man mit Clark Edwards den desillusionierten Vertreter eines übersteuerten Finanzsystems, das nur noch Blasen erzeugt, und demgegenüber mit Jende eine Figur, die vorbehaltlos, nachgerade naiv an dieses System glaubt. Zudem stehen sich, exemplarisch, zwei Familien gegenüber. Unschwer zu erraten, dass die Ehe der Edwards’ seit Jahren zerrüttet ist und nur noch auf offiziellen Anlässen zelebriert wird. Neni und Jende hingegen leben zwar mit ihren bald zwei Kindern in bescheidenen und beengten Verhältnissen, dafür in stabilen familiären Zusammenhängen und einer funktionierenden afrikanischen Community. Kein Wunder, dass die Kinder der Edwards’ sich beim afrikanischen Essen auf dem Teppich von Jende und Neni wohler fühlen als im weich gepufferten, dennoch steifen Reichtum ihres Elternhauses, den auch ihre Mutter nur noch unter Alkohol- und Tabletteneinfluss ertragen kann. Natürlich, Geld verdirbt nicht nur den Charakter, sondern auch die Beziehungen. Und wer arm ist, kann sich immerhin die Menschlichkeit bewahren. Wie oft hat man diese Art von Sozialromantik schon gelesen?

Genau so habe sie sich Amerika immer vorgestellt

Mbues Kniff besteht nun allerdings darin, dass bei aller Gegensätzlichkeit des amerikanischen und des afrikanischen Paars eine grundsätzliche Verfasstheit doch nach und nach als ähnlich aufscheint: Der Alltag, das Jetzt wird einem künftigen materiellen Glücksversprechen geopfert. Weil er um die drohende Lehman-Pleite weiß, ahnt der Leser, dass der Finanzkollaps beide Familien gleichermaßen mit der grundsätzlichen Frage konfrontieren wird, ob sie ihre Ideale noch einmal überdenken sollten.

Die Entscheidung, die Jende trifft, als er nicht nur seinen Job bei den Edwards verliert, sondern auch noch sein Asylantrag abgelehnt wird, ist dabei allemal verwunderlich und fragwürdig. Ganz im Gegensatz zu der hollywoodtauglichen Konsequenz, die Edwards aus seinem tiefen beruflichen und schließlich auch privaten Fall zieht.

Als sie das noble Ferienhaus der Edwards’ betritt, bemerkt Neni staunend, genau so habe sie sich Amerika immer vorgestellt. Sie kenne es eben nur aus Serien wie Denver Clan oder Dallas. Bedauerlicherweise verleiht Das geträumte Land diesem Bild genauso wenig wie den Charakteren, von denen der Roman erzählt, mehr Tiefenschärfe oder überraschende Risse. Das ist vor allem der sprachlichen Mediokrität des Romans geschuldet, der sich allzu sehr auf alltagssprachliche Dialoge verlässt, die durch wenig originelle Hilfskonstruktionen zusammengehalten werden. Allein, wie viel sich hier zugelächelt und -genickt wird!

Es wäre sicher unverhältnismäßig, das zunehmende Bestreben von Verlagen, ihre belletristischen Programme nicht nach literarisch-ästhetischen Kriterien auszurichten, sondern im Stil von Nachrichtenmagazinen thematisch zu besetzen, einem einzelnen Roman zur Last legen zu wollen. Dennoch ist Imbolo Mbues Das geträumte Land ein Musterbeispiel hierfür, das den Wunsch nach sprachlicher und erzählerischer Eigenwilligkeit einmal mehr spürbar werden lässt.

Imbolo Mbue: Das geträumte Land. Roman; a. d. amerik. Engl. v. Maria Hummitzsch; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017; 432 S., 22,– €, als E-Book 18,99 €