Der Kammerjäger

Es sind denkwürdige erste Worte, die Tobias Bergmann auf seiner Wahlparty im Haus 73 in die feiernde Menge ruft: "Wir müssen wirklich aufpassen!" Das klingt seltsam, wenn man bedenkt, dass dieser Mann gerade einen jahrelangen Kampf gewonnen hat. Gewonnen? Ach was, es gibt eigentlich kaum eine Beschreibung für das, was Bergmann, 45 Jahre, Unternehmensberater, gebürtiger Niederbayer, nun in Hamburg geschafft hat: den Sturz des Establishments einer der ältesten und mächtigsten Handelskammern Deutschlands. Mit einem Wahlergebnis, das man sonst aus Staaten wie Nordkorea kennt: 55 der 58 Sitze im neuen Plenum werden künftig von Bergmanns Leuten besetzt sein. Es ist ein überwältigender Sieg, der ihn selbst schockiert hat.

DIE ZEIT: Herr Bergmann, Sie kämpfen seit Jahren für mehr Transparenz und die Interessen der kleinen und mittleren Unternehmen in der Kammer. Aber erst mit der Forderung, die Kammerbeiträge abzuschaffen, haben Sie eine so radikale Mehrheit bekommen. Kann man die Hamburger Kaufleute nur beim Thema Geld packen?

Tobias Bergmann: Stimmt schon, die richtige Wucht haben wir bekommen, als wir uns gegen die Zwangsbeiträge aufgelehnt haben. Aber das war immer verknüpft mit der Frage: Was wird mit dem Geld gemacht? Da wird dem Hauptgeschäftsführer zum Beispiel ein Gehalt von mehr als einer halben Million Euro gezahlt. Mit dieser Kombination hat der Wahlkampf sehr gut funktioniert.

ZEIT: Warum der Umschwung ins Populistische?

Bergmann: Unsere Forderung war populär, aber nicht populistisch. Populistisch wäre es gewesen, wenn wir gesagt hätten: Wir schaffen die Zwangsmitgliedschaft ab, wohl wissend, dass es im Gesetz anders steht und Gerichte die verpflichtende Mitgliedschaft immer wieder bestätigt haben.

ZEIT: Ob Sie Ihr Versprechen halten können, steht ja auch noch aus. Die bisherige Kammerführung und einige Juristen bezweifeln, dass das juristisch möglich ist.

Bergmann: Ich hab mir das Gesetz durchgelesen und auch, was die Wirtschaftsbehörde dazu schreibt. Die Handelskammer hat gesetzliche Aufgaben, die muss sie erfüllen, und wenn sie dafür Beiträge braucht, muss sie die erheben. Unsere Aufgabe ist deshalb, die Finanzierung so aufzustellen, dass die Handelskammer ohne diese Beiträge auskommt. Das wird nicht leicht, und es ist verständlich, dass jetzt alle wissen wollen, wie das konkret geht.

ZEIT: Wir auch. Bislang erhält die Kammer rund 40 Millionen Euro im Jahr aus Mitgliedsbeiträgen.

Bergmann: Völlig richtig. Ich kann Ihnen das an dieser Stelle auch noch nicht ganz genau sagen, nur so viel: Wir werden jeden Stein umdrehen. Die Beiträge sind außerdem nur eine Säule der Finanzierung.

ZEIT: Mit mehr als 80 Prozent aber eine sehr dicke Säule.

Bergmann: In Hamburg, bei anderen Kammern, ist das oft weniger. Man könnte auch hier einen größeren Teil durch Gebühren finanzieren. Bei der dualen Ausbildung beispielsweise liegen die Prüfungsgebühren derzeit bei rund 240 Euro, das deckt die tatsächlichen Kosten aber nur zur Hälfte.

ZEIT: Sie würden die Gebühren verdoppeln?

Bergmann: Nicht unbedingt. Es gibt auch Kammern die mit 250 Euro kostendeckend arbeiten. Subventionen führen ja nicht immer automatisch zu geringeren Preisen, sie verdecken oft auch Ineffizienzen. Außerdem muss ich schauen: Was kommt an freiwilligen Beiträgen?

"Wir müssen jetzt das Vertrauen bei den Unternehmern aufbauen"

ZEIT: Wohl nicht besonders viel.

Bergmann: Derzeit würde sicher kaum ein Unternehmen freiwillig für diese Kammer zahlen. Das hat das Wahlergebnis gezeigt. Wenn wir so ein freiwilliges System heute starten würden, würde es untergehen wie die DDR-Wirtschaft. Aber die Hamburger Pfeffersäcke sind doch auch in Unternehmensverbänden, beim Reederverband, beim Dehoga, bei Nordmetall – und zahlen dafür. Wir müssen jetzt das Vertrauen bei den Unternehmern aufbauen, damit sie in Zukunft bereit sind, für die Kammer zu zahlen, weil sie einen Nutzen darin sehen.

Bergmann ist Sozialdemokrat, seit 1988 SPD-Mitglied. Seine Partei schreibt Solidarität groß, gerade jetzt. Auf die beruft sich auch das deutsche Kammersystem: Weil die großen Firmen hohe Pflichtbeiträge zahlen, können die Kleinunternehmer die Angebote der Kammer zu moderaten Preisen nutzen. Wenn man Bergmann nun reden hört von einer Kammer, die ihren Nutzen täglich beweisen muss, wo jeder nur für das zahlt, was er selbst gebrauchen kann, dann klingt das sehr nach FDP.

ZEIT: Als SPD-Mitglied müsste Ihnen Solidarität doch wichtig sein. Die Beiträge abzuschaffen ist genau das Gegenteil und schadet Ihrer eigenen Klientel, den kleinen Unternehmen.

Bergmann: Es ist auch nicht so, dass uns nur die Kleinen gewählt haben. Uns haben einige große Unternehmen unterstützt, auch wenn sie nicht für uns kandidiert haben. Die Situation war vielmehr: Insider versus Outsider. Wir haben in Hamburg eine Unternehmerstruktur, die bei den Wirtschaftsjunioren beginnt und bei den Altpräsiden endet. Da gibt es auch ganz kleine Firmen, die sind leidenschaftliche Fans dieser Kammer, weil sie immer eine Plattform war, von der sie profitiert haben. Das sind die, die mit vollster Überzeugung gegen uns gekämpft haben. Aber es gibt auch die anderen, die wie ich nie zur Kammer gegangen sind, obwohl sie hier in Hamburg Unternehmen gegründet haben. Zwischen diesen Extremen lag ein großer Graben.

ZEIT: Was sagen Sie den Unternehmern, die sich bei der bisherigen Kammer gut aufgehoben gefühlt haben?

Bergmann: Es ist wichtig, dass sie jetzt die Augen aufmachen und sehen: Da gibt es Leute, die schauen ganz anders auf die Kammer, und zwar sehr viele. Wir schaffen jetzt neue Rahmenbedingungen, darüber will ich mit allen diskutieren. Wir haben uns "Die Kammer sind WIR" genannt, und jetzt sind wir tatsächlich das Plenum. Aber die Kammer sind noch viel mehr.

ZEIT: Zum Beispiel die Mitarbeiter. Dort müssen Sie ohne Pflichtbeiträge drastisch kürzen. Sollten sie sich nach einem neuen Job umsehen?

Bergmann: Man muss sich angucken, welche Leistungen es bei der Kammer künftig gibt und wie viel Personal man dafür noch braucht. Es kann sein, dass es dann Gaps an dieser Stelle gibt.

ZEIT: Wie groß werden diese "Gaps" sein?

Bergmann: Das kann ich jetzt noch nicht beziffern. Aber wir haben heute knapp 280 Leute und brauchen in Zukunft nur noch x Mitarbeiter. Die Frage ist, wie kommen wir dahin? Das ist wie bei einem Unternehmen, da gehen Leute in den Ruhestand oder bewerben sich ohnehin weg.

ZEIT: Das wird nicht reichen.

Bergmann: Klar ist da eine Unsicherheit für die Mitarbeiter. Aber wir können als Handelskammer nicht immer für die Marktwirtschaft kämpfen und am Ende kneifen.

ZEIT: Es dürfte den radikalen Umbau, den Sie vorhaben, jedenfalls nicht gerade erleichtern, wenn Angestellte Angst um ihren Job haben.

Bergmann: Wir werden möglichst bald das Gespräch mit den Mitarbeitern suchen – und versuchen, ihnen Sicherheit zu geben. Die Handelskammer bleibt ein seriöser Arbeitgeber. Aber das geht nicht über Nacht.

ZEIT: Sie wollen auch mit dem von Ihnen oft attackierten Hauptgeschäftsführer Schmidt-Trenz reden – worum soll es gehen?

Bergmann: Genau um dieses Thema.

"Wir haben eine 180-Grad-Wende mit der Kammer vor"

ZEIT: Und um seinen eigenen Vertrag? Der läuft noch bis 2019 – eine Zusammenarbeit zwischen Ihnen beiden ist schwer vorstellbar. Andererseits müssten Sie ihm sonst sein hohes Gehalt fürs Spazierengehen bezahlen. Wie kommen Sie aus diesem Dilemma heraus?

Bergmann: Wir haben eine 180-Grad-Wende mit der Kammer vor. Da brauchen wir einen Hauptgeschäftsführer, der das auch verkörpert – und der ein Gehalt von 150.000 Euro akzeptiert. Da muss man sich einander mal tief in die Augen schauen und fragen: Wie machen wir das jetzt? Lösen wir beispielsweise den Vertrag auf?

ZEIT: Auf 1,5 Millionen Euro verzichten? Den Gefallen wird Herr Schmidt-Trenz Ihnen nicht tun.

Bergmann: Da kennen Sie ihn vielleicht besser als ich. Ich weiß aber recht sicher, dass die 1,5 Millionen Euro für ihn keine Frage des Überlebens sind.

ZEIT: Wo wollen Sie gegebenenfalls nach einem neuen Hauptgeschäftsführer suchen?

Bergmann: Er muss Vertrauen in die ganze Breite der Hamburger Wirtschaft vermitteln und auch die Brücke zu den Unternehmen bauen, die im aktuellen Plenum nicht mehr vertreten sind. Und ganz zentral: diesen enormen Veränderungsprozess gestalten. Wir werden sicherlich bei den großen Verbänden schauen, die kennen das ja: Mitglieder, die abhauen, wenn es ihnen zu bunt wird. Ein Unternehmenschef wäre auch eine sehr gute Möglichkeit.

ZEIT: Einen CEO kriegen Sie nicht für 150.000.

Bergmann: Das macht man nicht wegen des Geldes. Es ist einer der spannendsten Jobs, die man in diesem Bereich in den kommenden Jahren haben kann.

ZEIT: Ihr Plenum hat die Möglichkeit, noch acht weitere Plenarmitglieder hinzuzuwählen. Holen Sie sich da eine Opposition oder weitere Getreue?

Bergmann: Wir brauchen Leute, die das Ergebnis akzeptieren, uns aber trotzdem herausfordern. Also nicht unbedingt die, die auf unserer Wahlparty in der Schanze waren.

ZEIT: Noch vor wenigen Jahren haben Sie dieses Prinzip als undemokratisch abgekanzelt, jetzt nutzen Sie es selbst. Weil das Plenum doch ein paar Promis, Großunternehmer und alte Hasen braucht?

Bergmann: Wir haben uns auf unserer ersten Bündnissitzung darauf geeinigt, diese Möglichkeit ein letztes Mal zu nutzen, weil auch die Leute, die sich jetzt nicht mehr vom Plenum repräsentiert fühlen, mitmachen sollen. Langfristig müssen wir andere Wege finden, damit sich für die Stadt wichtige, aber nicht gewählte Unternehmen in die Kammer einbringen können.

ZEIT: Die meisten Ihrer Leute haben keinerlei Erfahrung mit Kammerpolitik – beunruhigt Sie das?

Bergmann: Bis Samstagabend hatte ich Bauchgrummeln. Seit ich am Sonntag die gesamte Truppe beisammen hatte, wir sehr ernsthaft diskutiert und uns eine Geschäftsordnung gegeben haben, bin ich überzeugt, dass das ein richtig gutes Plenum wird.

Am Sonntag traten Bergmann und sein Bündnis zum ersten Mal nach der Wahl vor die Presse. Im Wilhelmsburger Wälderhaus fielen auffällig oft Worte wie "Hand reichen" oder "Brücken bauen". Schließlich verkündete Bergmann, dass er für das Amt des Kammerpräses kandidiere. Er wird gewählt, klar. Der Rebell wird dann einer der einflussreichsten Wirtschaftsvertreter der Stadt sein. Und eine "verdammt große Verantwortung" tragen, das hat er verstanden.