Für das erste Wort im Leben eines Kindes gibt es viele Schreibweisen. "M-A-M-A" schreibt die dunkelhaarige Zweitklässlerin wacklig auf ein Whiteboard; "Mama" schreibt auch das Mädchen neben ihr. Allerdings von rechts nach links und auf Arabisch. Sie braucht mehrere Anläufe, aber dann stimmt es. Die Arabischlehrerin Iman Najami nickt zufrieden.

Es ist Freitagmittag, an der Wedding-Schule in Berlin ist der Unterricht längst vorbei. Die meisten Schüler sind schon auf dem Weg nach Hause oder in die Ganztagsbetreuung, nur bei Iman Najami haben sich noch 16 Kinder versammelt – weil sie Arabisch lernen wollen. Vier Berliner Grundschulen bieten das Projekt "Muttersprache Arabisch" an, insgesamt 159 Schüler nahmen im letzten Schuljahr daran teil.

Arabisch an der Grundschule? In Berlin ist das jetzt sogar politisches Programm. Die rot-rot-grüne Regierung hat in ihren Koalitionsvertrag geschrieben, dass sie Mehrsprachigkeit fördern und mehr zweisprachige Bildung und Erziehung anbieten wolle. Ausdrücklich erwähnt: Arabisch. Mehr Integration und weniger Kinder, die weder ihre Muttersprache noch Deutsch gut genug beherrschen, um im hiesigen Bildungssystem zu bestehen. Von "doppelter Halbsprachigkeit" sprechen Experten, wenn Kinder aus Einwandererfamilien zwar zwei Sprachen sprechen, aber keine richtig.

Die größte Gruppe der aktuellen Arabischschüler lernt an der Wedding-Schule. Sie war eine der ersten, die das Fach angeboten hat, lange vor dem politischen Bekenntnis. Mehr als 90 Prozent der 500 Schüler haben hier einen Migrationshintergrund, meist arabisch oder türkisch. Im Klassenraum im zweiten Stock hat Lehrerin Najami das Alphabet auf ein Whiteboard projiziert. Neben jedem Buchstaben das Bild eines Tieres. Ein Löwe neben dem A. Asad heißt er auf Arabisch. Eifrig rufen die Schüler die Buchstaben in den Raum, die Najami ihnen zeigt. Stellt sie eine Frage, recken sich mehrere Arme in die Höhe. Dann schreiben sie, auf Arabisch. Für manche Kinder sind das die ersten Versuche, auch wenn sie die Sprache in ihren Familien sprechen.

Najami war selbst Schülerin an der Wedding-Schule, Arabisch ist auch ihre Muttersprache. Später studierte sie Arabistik. Sie findet es wichtig, dass die Kinder ihre Muttersprache lernen, weil das zu ihrer Identität gehöre. Und sie beobachtet, wie sich die Kinder mit der Zeit verändern: "Kann ich nicht noch mehr Unterricht haben?" – "Kann ich auch zu Hause lernen?", ist sie schon gefragt worden. Ein Junge, der sonst oft stört, kann in ihrem Unterricht ein Vorbild sein, weil sein Arabisch besser ist als das der anderen.

Für Najami ist jede Stunde ein Experiment. Lehrbücher gibt es nicht, alles, was sie für den Unterricht braucht, erstellt sie sich selbst. Es fehlen Lehrpläne und qualifizierte Lehrer. Bislang kann man Arabisch nicht auf Lehramt studieren.

Eltern interessieren sich plötzlich dafür, was ihre Kinder in der Schule machen

Einige von Najamis Schülern sind Flüchtlingskinder, andere kommen aus der ersten oder zweiten Generation arabisch sprechender Familien, manche haben nur einen Elternteil, der Arabisch spricht. Die Kenntnisse der Eltern sind unterschiedlich. Es gibt auch solche, die selbst kaum Arabisch lesen und schreiben können. Ob sie die Kinder angemeldet haben, damit sie den Großeltern Mails auf Arabisch schreiben können oder um ihren Eltern arabische Zeitungen vorzulesen, kann sie nur vermuten. Dafür sind die Gespräche nach dem Unterricht zu kurz. Aber sie reichen, um zu erleben, wie die Eltern sich freuen. Sie fragen nach Hausaufgaben, Übungsblättern und nach den Fortschritten ihrer Kinder. Für Eltern, die sich sonst kaum für die Schule interessieren lassen, ist der Arabischunterricht ein Anknüpfungspunkt geworden.

Kinder als "Botschafter in zwei Sprachen"

Angelika Suhr, die Schulleiterin der Wedding-Schule, erzählt, dass sich Eltern schon für die Wertschätzung und Anerkennung der arabischen Kultur bei ihr bedankt hätten. Suhr ist davon überzeugt, dass Mehrsprachigkeit, die man bei Kindern mit englischen oder französischen Eltern gut findet, auch für Schüler aus türkischen oder arabischen Familien ein Ziel sein sollte. "Nur wer akzeptiert ist, kann Fuß fassen", sagt Suhr. Und die Schüler und ihre Familien sehen es tatsächlich als eine Aufwertung, wenn ihre Sprache zum Schulfach wird. Zumal Alternativen rar sind: Die Sprachkurse bei privaten Trägern oder in Moscheen haben keinen guten Ruf.

Durch eine bilinguale Ausbildung werden Kinder zu "Botschaftern in zwei Sprachen", sagt Bildungsforscher Jürgen Baumert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Er hat gerade die bilingualen Europa-Schulen in Berlin untersucht und herausgefunden, dass die Pflege der Sprache auch zu einer stärkeren Identifikation mit der Herkunftskultur sorge. Dass sich allerdings allein durch Unterricht das Image einer Sprache ändern ließe, hält er für unwahrscheinlich. Und was für die Europa-Schulen gilt, gilt nicht automatisch für jeden Sprachunterricht. "Das Modell Zweisprachigkeit funktioniert nur, wenn es erheblichen Anteil am Unterricht hat und von muttersprachlichen Fachlehrern unterrichtet wird", sagt Baumert. Eine deutsch-arabische Schule nach dem Vorbild der Europa-Schulen wäre eine Möglichkeit, um diesem Ideal näher zu kommen. Aber es gibt zurzeit in Berlin nicht viele, die daran glauben, dass eine solche Schule eröffnet wird.

Schon einmal hatte Berlin versucht, die Sprache der Zugewanderten an seinen Schulen aufzunehmen. Bei "ZwerZ", der zweisprachigen Erziehung in Deutsch und Türkisch, wurde neben dem türkischen Sprachenunterricht auch Fachunterricht in Türkisch gehalten. Anfang der neunziger Jahre unterrichteten 14 Berliner Grundschulen nach diesem Modell. Heute sind es nur noch fünf. Die Nachfrage geht auch deshalb oft zurück, weil es kein systematisches Angebot zum Weiterlernen in den höheren Jahrgängen gibt und Schüler wie Eltern deshalb die Motivation verlieren.

Damit das Arabischangebot nicht das gleiche Schicksal erfährt, sollte die Sprache bis zu einem Abschluss auch an den weiterführenden Schulen angeboten werden, sagt Stefanie Remlinger, Bildungspolitikerin bei den Berliner Grünen. Das Projekt müsse wissenschaftlich begleitet und öffentlich diskutiert werden – auch mit der arabischen Bildungsklientel. "Was dem Thema Schwung gegeben hat, sind die vielen Geflüchteten", sagt Remlinger. Aufgrund des Koalitionsvertrages hätten die Schulen nun "die Freiheit zu drängeln".

Das kann Schulleiterin Angelika Suhr unterschreiben: "Man muss Traute haben, man muss dranbleiben."