Bella Italia! Vive la France! –Diese Länder darf man vorbehaltlos lieben. Und wer das tut, kann stets mit Zustimmung rechnen. Auch wenn der Staatspräsident ein korrupter Medienmogul sein sollte, die Rechtspopulisten gestärkt aus der nächsten Wahl gehen – die Lebensart, der Wein, die liebliche Landschaft, das Essen wiegen alles auf. Keiner Italienerin, keinem Franzosen wurde je zum Vorwurf gemacht, dass ihr Staat vom Pfad der Tugend abgewichen ist.

Nicht so mit Israel. Wer gesteht, dass er diesen zionistischen Staat und seine Gesellschaft ohne Vorbehalte liebt und diese Sympathie nicht vom Wohlverhalten israelischer Regierungschefs abhängig machen möchte, wer bekundet, dass er auch gerade in traurigeren Zeiten, in denen das Land politisch Fehler nach Fehler begeht, zu ihm steht, der hat in Europa einen schweren Stand.

Falls ihm nicht gleich offene Ablehnung entgegenschlägt, erlebt er vielleicht die etwas freundlichere Variante. Lauernd wird ihm in mitleidigem Ton die Frage gestellt: "Sie sind doch sicher selbst auch Jude, nicht wahr?" Der Vorstoß impliziert: Wer würde sich denn sonst noch für Juden einsetzen, wenn nicht die Juden selbst? Selbst die Juden stellen israelfreundlichen Nichtjuden mittlerweile diese Frage. Offenbar können sie sich nicht mehr vorstellen, dass man auch als "Goi", als Nichtjude, ohne Wenn und Aber zu Israel und zum Judentum stehen kann.

Der Deutschen Presse-Agentur unterlief diese Woche ein Fauxpas: dpa-Korrespondenten meldeten, dass Donald Trump von "einflussreichen jüdischen Parteispendern mit auf den Thron gehoben" worden sei. Ist das Antisemitismus? Auch das. Denn hier wird das uralte gehässige Klischee bemüht, das von Goebbels bis zur linken Internationale hartnäckig gepflegt wurde: Das Weltfinanzjudentum lenkt die amerikanische Politik.

Doch wer diesen alten Unsinn argumentativ zu entkräften sucht, läuft Gefahr, in eine Falle zu tappen. Denn lässt er sich inhaltlich auf die Debatte ein, wird er darlegen, dass Einfluss und Reichweite einer jüdischen Lobby allein logistisch gar nicht so weit reichen können, die Welt zu beherrschen. Aber damit schützt er nicht die Angegriffenen. Haben Hedgefonds-Manager kein Recht auf Leben? Sollen sie zum Abschuss freigegeben werden, weil sie zum Bankencrash beigetragen haben? Und: Falls sich unter den Profiteuren der Globalisierung auch jüdische Finanzinvestoren befinden, was hat dann ihr Jüdischsein mit ihrer Arbeit zu tun? Warum fragt niemand nach dem protestantischen oder katholischen Anteil im internationalen Finanzgewerbe, nach den Vegetariern und Fleischfressern unter ihnen?

Die gemeinsame Plattform, auf der jedes Reden über Israel stattfindet, erweist sich also von vornherein als schiefe Ebene. Denn leider lassen sich inzwischen auch Israel-Unterstützer, die sich den immerselben Pauschalangriffen ausgesetzt sehen, gelegentlich zu einer Pauschalverteidigung hinreißen, die genauso substanzlos ist wie die Anwürfe. Diese Gespräche spitzen sich dann schnell kategorisch zu. Es ist die letzte Zündstufe vor der Sprachlosigkeit: "Wer die israelische Politik kritisiert und kein Jude ist, sogar noch ein Deutscher dazu, sollte sich besser zurückhalten." Zwischen böswilligen und wohlmeinenden Kritikern wird dann nicht mehr unterschieden. Jeder, der sich gegen Netanjahu stellt, rührt am Existenzrecht Israels. Dieses fatale Junktim zwischen Anerkennung Israels und Anerkennung der jeweils aktuellen Regierungspolitik taugt nicht dazu, Antisemiten aus der Schar der Kritiker herauszufiltern.

Wer die israelische Siedlungspolitik oder die Börse an der Wall Street für eine typisch jüdische Erfindung hält, ist Antisemit.

Die mit allen Wassern gewaschenen Judenfeinde umgehen listig jede Grundsatzdebatte zur Existenzfrage Israels, egal ob links oder rechts. Offenbar ist es leichter, sich mit gutem Gewissen für die Menschenrechte der Palästinenser zu verwenden und die Terrororganisation Hamas billigend in Kauf zu nehmen, als aus historisch begründetem schlechtem Gewissen hinter den Juden zu stehen. Wer die israelische Siedlungspolitik oder die Börse an der Wall Street für eine typisch jüdische Erfindung hält, ist Antisemit.

Und dennoch: Wie passt das alles zusammen, dass Deutschland auch innerhalb Europas zum verlässlichsten Freund Israels wurde? Ist diese Liebe staatlich verordnet, wie es die neue Rechte mit ihrer Schuld-Kult-Polemik zu verbreiten versucht? Gibt es diesen übersteigerten, verstiegenen Philosemitismus, vor dem der Publizist Henryk Broder warnte? Ist diese deutsche Israelliebe ein ins Positive gewendeter Judenhass, von derselben Obsession getrieben? Der israelische Schriftsteller Amos Oz beschrieb diese Ambivalenz mit einem Gleichnis. Christen vergleichen Juden gerne mit Jesus. Nach seinem Leiden und Sterben transzendierte er zum Gottessohn. Die Juden erlitten im Holocaust Leid und Tod – und sollten nun analog zu Christus das Gute inkarnieren. Warum benehmen sie sich dann weiter wie fehlbare Menschen? Hätte sie das Leid nicht zu besseren Wesen machen müssen, so Oz?

Aus Liebe kann schnell Enttäuschung werden. Der umgekehrte Weg ist schwieriger. Wenn er gelingt, sprechen wir über Israel vor allem als das Land, in dem die Orangen blühen.