Die Sache mit dem Kinderkriegen ist nicht so einfach. Claudia* musste extra freinehmen, um das Paket persönlich in Empfang zu nehmen: "So was lässt man ja nicht beim Nachbarn abliefern." Das Set für die Insemination zu Hause wurde aus Dänemark geliefert, die Spermaproben waren in Trockeneis verpackt. "Wir haben das Anleitungsvideo bestimmt 50-mal angeschaut." Claudia und ihre Freundin Mara* aus Niedersachsen, beide 39, wollen ein Kind – und es doch lieber selbst und daheim versuchen als in einer klinisch sterilen Umgebung. Aber romantisch sei die Einspritzaktion dann nicht gewesen. Eher ziemlich technisch und außerdem teuer. Und am Schluss hat es dann doch nicht geklappt. Deshalb sind die Freundinnen zu den Kinderwunsch-Tagen angereist. Es ist die erste Messe ihrer Art in Deutschland, sie fand Mitte Februar in Berlin statt.

Gleich am Eingang schweben über dem Stand der European Sperm Bank ein paar Spermien in der Luft, weiße Luftballonsamen mit Kopf und Schwanz. Ein Stück weiter hat die Praxis für Fertilität ihr Mobile aus Plüschspermien aufgehängt. In der Tagungshalle eines Hotels in Berlin-Moabit laufen Heile-Welt-Videos, von Bannern strecken werdende Mamas den Besuchern ihre Bäuche entgegen, eine Mutter liegt mit ihrem Kind in einem Gänseblümchenfeld. Die Aussteller zeigen, was man auf dem Markt der Reproduktionsmedizin alles kaufen kann. Und der scheint groß zu sein: 1,5 Millionen Menschen in Deutschland leiden unter ungewollter Kinderlosigkeit, die wenigsten lassen sich bisher behandeln.

Damit war die Veranstaltung schon ein Skandal, bevor sie überhaupt anfing: Geschäftemacherei mit der Hoffnung von Paaren, mit dem Leid von Frauen – und das alles auf Kosten der Kinder, hieß es. Außerdem sei sie ein Forum für den internationalen Keimzellenhandel und eine Infomesse darüber, wie man deutsche Gesetze umgeht: Es werden auch Verfahren angeboten, die in Deutschland verboten sind. Denn was technisch möglich ist, ist hier rechtlich schwierig. Eizellspende zum Beispiel oder Leihmutterschaft.

Auch Petra Thorn nimmt als Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Kinderwunschberatung an der Messe teil. Sie ist Mitglied im Deutschen Ethikrat, will jedoch nicht als moralische Instanz herhalten: "Wir beteiligen uns trotz der umstrittenen Angebote an den Kinderwunsch-Tagen und wegen der Menschen und Paare mit Kinderwunsch." Der familienpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Marcus Weinberg, forderte dagegen gleich ein Messeverbot, und Matthias Bloechle, der Berliner Landesvorsitzende des Berufsverbands der Frauenärzte, sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Messe sei unnötig.

Für viele Menschen ist sie das offensichtlich nicht. Am Samstagmorgen bildet sich eine Schlange am Eingang, in der Teilnehmerliste stehen etwa 1.450 Namen. Auch Cryos International Denmark ist hier, die Samenbank, bei der Claudia und Mara ihr Inseminationsset bestellt haben und die mit schuld ist, dass die Messe in der Öffentlichkeit so schlecht dasteht: Die Samenbank rangiert als weltgrößte im Guinessbuch der Rekorde und bietet auch anonyme Spenden an. Das Kind erfährt später also nicht, wer sein Vater ist, Identitätskrise hin oder her. Na und, meint Gründer Ole Schou: "Man muss doch seine Identität aus sich selbst ziehen und kann sie nicht auf seinem Vater aufbauen."

Claudia Brügge sieht das ganz anders. Die Vorsitzende des DI-Netzes, der deutschen Vereinigung von Familien nach Samenspende, hat selbst ein Kind mithilfe einer Samenspende bekommen. "Unsere Kinder haben ein Recht auf Kenntnis ihrer Abstammung." Cryos ist einer der Aussteller, denen sie "aufs Dach steigt". "Wir stimmen nicht mit allen Geschäftsideen hier überein oder stecken mit den anderen Ausstellern unter einer Decke", sagt Brügge.

Deutsche Kundinnen haben allerdings keine Wahl, sie sind gesetzlich an die nicht-anonyme Spende gebunden. Auf der Suche nach einem Vater können sie Tonbandaufnahmen der Spender anhören oder handschriftliche Proben einsehen. Dafür ist ein Aufpreis fällig, ebenso wie für eine höhere Spermaqualität. Die Anbieter haben oft eine pragmatische Sicht auf die Dinge: "Die Singles wollen sich eben auch reproduzieren, und so, wie sie sich einen Partner suchen würden, suchen sie bei uns einen Spender", sagt Schou. "Unsere Art Datingclub ist doch natürlicher als früher die arrangierten Ehen."

Werbesprüche wie vom Pizzabringdienst, Tariftabellen wie für den Handyvertrag

Wenn ein sehr emotionales Thema sich immer weiter ökonomisiert und auf einer Art Verkaufsmesse landet, kann das ziemlich bizarre Züge annehmen. In gedämpftem Tonfall referieren Berater mit Schlips oder Damen im Kostüm Preislisten und Extra-Optionen und blättern durch Hochglanzbroschüren. Der Slogan "Confidence Delivered"  klingt nach Pizzabringdienst, und die Angebotsliste der Fairfax Cryobank sieht aus wie die Tariftabelle eines Telekommunikationsanbieters. Beim IVF Alicante ist "Ihr Traum nur einen Herzschlag entfernt", und bei der ukrainischen Intersono IVF Clinic ist man sowieso auf der sicheren Seite: "100 % der Kunden würden uns weiterempfehlen", steht groß auf ihrem Banner. Und man kann sich einen Gutschein für eine Fruchtbarkeitsbehandlung einstecken: Gratis-Erstuntersuchung und -Fruchtbarkeitsberatung.

"Was ist schon der Unterschied zu einer Blutspende?"

Klingt alles, als sei Reproduktionsmedizin kinderleicht. Dass das so nicht stimmt, wissen die meisten Betroffenen natürlich selbst. "Letztes Jahr hatte ich fünf Inseminationen, dann eine Eileiterdurchgangsprüfung und zwei In-vitro-Fertilisationen. Jetzt habe ich noch eine Eizelle übrig", sagt Andrea*, eine 40-jährige Kinderkrankenschwester. Für den Fall, dass die letzte Eizelle versagt, stellt sie gerade einen Adoptionsantrag. Eine Eizellspende kommt für sie nicht infrage, aber sie hat durchaus Verständnis für Menschen, die sich dafür entscheiden – auch wenn sie in Deutschland verboten ist.

"Manche Ärzte haben Angst, Themen wie die Eizellspende überhaupt anzusprechen"

Einige deutsche Reproduktionsmediziner und Kirchenvertreter haben sich von den Kinderwunsch-Tagen distanziert. Das Fertility Center Berlin ist nicht gekommen, ebenso wie der Bundesverband Reproduktionsmedizinischer Zentren BRZ. Auch die Berliner Praxis für Fertilität wollte einen Rückzieher machen. "Aber dann dachten wir: Jetzt wollen wir erst recht zeigen, dass wir in Deutschland ethische und medizinisch gute Reproduktionsmedizin machen", sagt Direktor David Peet, bedauert aber den kleinen Anteil deutscher Aussteller: "Womöglich denken die Besucher, es gibt keine ernst zu nehmende Reproduktionsmedizin in Deutschland." Viele, die an seinen Stand kämen, wüssten nicht einmal, "dass Samenspende in Deutschland erlaubt ist", sagt er.

Ein Tabuthema, immer noch, sagen Mara und Claudia. Wie sie hören viele lieber die Vorträge, als sich im persönlichen Gespräch "nackig zu machen". Das hat auch damit zu tun, dass Deutschland eine sehr restriktive Gesetzgebung hat. "Manche Ärzte haben sogar Angst, Themen wie die Eizellspende überhaupt anzusprechen", sagt eine Gynäkologin. "Und wenn Frauen so weit gehen wollen, tun sie es sowieso."

Das Angebot ist auch ohne Messe nicht schwer zu finden, das meiste ist ins Deutsche übersetzt und ins Netz gestellt. Die Eizellspende zum Beispiel, die für die Spenderin eine große körperliche Belastung bedeutet. Nimmt die Prozedur jemand aus Altruismus in Kauf? Es dürfte kein Zufall sein, dass die meisten Spenderinnen nicht aus reichen Industriestaaten kommen, sondern aus Ländern, in denen die "Aufwandsentschädigung" existenziell sein kann. Am Stand der estnischen Fertility Clinic Nordic heißt es aber, dass viele Ängste haltlos seien. Außerdem lohne sich ein Besuch in ihrer Klinik auch wegen der Umgebung – Estlands Hauptstadt Tallinn gehört zum Unesco-Weltkulturerbe.

"Ein Teil des Behandlungsspektrums dieser Kliniken ist in Deutschland verboten – und das ist wohl gleichzeitig ihr Hauptmotiv, hier vertreten zu sein. Umso wichtiger ist es, dass wir hier sind, um eine neutrale und unabhängige Beratung anzubieten", sagt Petra Thorn. "Es ist wichtig, dass wir öffentlich diskutieren, ob das Verbot der Eizellspende noch angemessen ist, und dass wir uns mit nichtkommerziellen Modellen dieser Behandlung auseinandersetzen."

Die Besucher scheinen da offener als der Gesetzgeber. Auch Katja* stimmt einer Rednerin aus Alicante zu, die in ihrem Vortrag sagt: "Hoffentlich ist die Eizellspende in Berlin auch irgendwann erlaubt – sie ist nichts Böses!" Nur führt sie manchmal auf moralisch fragwürdiges Gelände: In der Ukraine kann man eingefrorene Eizellen erwerben oder frische bestellen, ohne Warteliste oder versteckte Kosten, wie die Messevertreter bestätigen. Das Rundumpaket kostet laut Preistabelle 25.000 Euro und enthält unbegrenzt viele IVF-Zyklen, frische Spendereizellen, Embryotransfers, Lagerung für ein Jahr und, und, und. Außerdem: "Was ist schon der Unterschied zu einer Blutspende? Da gibt man ja auch seine Gene weiter."

Philipp, 33, und Matt, 28, haben sich gerade verlobt und einen Traum: eigene Kinder. "Ich denke, die genetische Verbindung ist ein natürlicher Wunsch", sagt Philipp. Weil das bei einem homosexuellen Paar nicht so einfach geht, haben sie sich gerade lange bei Oregon Reproductive Medicine (ORM) beraten lassen, das sein "Full-Service-Kinderwunschzentrum" an der US-Pazifikküste stehen hat. Sie interessieren sich für das Leihmutterschaftsprogramm. "Aber es macht einen schon nachdenklich, dass da eine Frau ein Kind zur Welt bringt, das wir 24 Stunden später mitnehmen."

Auf der Messe können sie persönliche Kontakte zu den Anbietern auch aus Übersee knüpfen und sollen eine garantiert freiwillige Leihmutter bekommen: "Diese Frauen lieben es, schwanger zu sein, und die Leihmutter kann auch sagen, nein, für dieses Paar will ich kein Kind austragen", sagt ORM-Vertreter Brandon Bankowski. Claudia Brügge erinnert diese Haltung an ihre psychotherapeutische Arbeit mit Prostituierten. "Da heißt es auch immer, die Frauen wollen das ja so. Aber wohlhabende Frauen sind dann doch nie dabei."

Ein Pflegekind – auch eine Option, über die man sich auf der Messe informieren kann – kommt für das schwule Paar trotzdem eher nicht infrage: "In meiner Familie hat ein Pflegekind eine Ehe gesprengt", sagt Philipp. Diese Erfahrung machen aber auch Paare, denen nach jahrelangen Kinderwunschbehandlungen die Kraft ausgeht. "Mir fehlen hier Informationen, was man tun kann, um sich nicht zu verlieren. Der Leidensdruck trennt auch viele Paare – das kenne ich aus meinem Bekanntenkreis", sagt Patrick*, 27. Er wünscht sich mehr Austausch, auch wenn er es schon entlastend findet, auf der Messe zu sehen, dass es vielen ähnlich geht.

Bald können sich Betroffene sowieso grenzenlos austauschen: Babble heißt das Start-up, das bereits international Kinderwunschkliniken testet und vergleicht. Ab März soll es dann auch ein IVF-Social-Network geben, eine Art Tinder-Facebook für Kinderwunschkandidaten: Ähnliche Profile und Probleme erzeugen einen Treffer, die Betroffenen können sich austauschen, Kommentare posten oder Infos teilen. Das Wochenende war vielleicht nur ein analoger Vorgeschmack auf solche virtuellen Angebote.

*Name von der Redaktion geändert

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