Es ist einer dieser Tage, die keiner braucht. Temperatur knapp über dem Gefrierpunkt, Nebel und Regen verhüllen die Hansestadt. Und dann verliert seine Mannschaft, Bayer Leverkusen, auch noch mit 0:1 beim Hamburger Sport-Verein, der doch nur auf dem 16. Tabellenplatz rangiert.

Was macht ein Trainer, der sein Team antreibt, "niemals abzuwarten, sondern das Spiel möglichst schon in den ersten Sekunden zu entscheiden", nach einem solchen Tag?

Roger Schmidt, der Trainer Leverkusens, sitzt in der Bar des Mannschaftshotels, Le Méridien. Mitternacht ist schon vorbei. An schönen Tagen kann man von hier aus das Panorama der Außenalster bestaunen, in einer Nacht wie dieser sieht Roger Schmidt nur Finsternis. "Da hilft wohl nur noch betrinken", tippt er ins Smartphone. Eine typische Schmidt-Äußerung, ein bisschen flapsig, nah am Vorstellbaren und doch meilenweit von der Realität entfernt. Er mag das: lachen, wenn es nicht zum Weinen reicht.

"Natürlich habe ich mich nicht betrunken", sagt Schmidt fünf Tage später. "Aber die Niederlage tat weh." Es war die zweite in der Bundesliga in Folge, und überhaupt lief es zuletzt nicht besonders toll. Schmidt trainiert die Leverkusener im dritten Jahr, in allen Spielzeiten erreichte er, wie zuvor bereits als Coach von Red Bull Salzburg, einen internationalen Wettbewerb. Dass ein Tabellenplatz im Mittelfeld enttäuschend ist, "das weiß ich schon ganz allein. Darauf muss mich niemand hinweisen", sagt Schmidt. Aus dem DFB-Pokal ist Bayer schon ausgeschieden. Dann wurde auch noch Spielmacher Hakan Çalhanoğlu für vier Monate gesperrt, weil sich dessen Vater und Berater vor Jahren bei Verhandlungen mit anderen Vereinen böse verzockt hatte.

Genug Gründe also für Roger Schmidt, sich wieder aufzuregen. In dieser Rolle kennt man ihn mittlerweile: hadernd und tobend am Spielfeldrand. Wegen "emotionaler Entgleisung an der Seitenlinie" wurde er zuletzt gleich zweimal vom Schiedsrichter auf die Tribüne verwiesen und für die folgenden Spiele gesperrt. Das hatte zuvor nur der Portugiese José Mourinho geschafft.

Drei Monate lang lässt sich Roger Schmidt bei seiner Arbeit begleiten. Er möchte beweisen, dass er anders ist, als er in der Öffentlichkeit rüberkommt. Es werden Begegnungen mit einem Trainer, der viel Glück gehabt hat, der wie aus dem Nichts vor drei Jahren am Trainerhimmel aufgetaucht ist und sich mit Bayer Leverkusen in der Königsklasse des europäischen Fußballs festgespielt hat. Ausgerechnet dem Werksclub vor den Toren Kölns hat er Glanz und Glamour gebracht. In dieser Woche ist die Mannschaft von Atlético Madrid da gewesen.

Ein hochbegabter Fußballlehrer ist er, daran zweifelt niemand, aber was ist er noch? Warum scheiden sich die Geister an Schmidt wie an kaum einem anderen Trainer? Ist er zu hart? Oder doch eher zu weich? Oder zu intellektuell? Weiß er es selber nicht?

Schmidt lehnt am Schreibtisch seines Büros im Bauch der BayArena, aus dem man das Tageslicht nicht sieht. Er trägt einen Kapuzenpulli, ein schwarzes Muskelshirt und Jeans im destroyed look: edel und zerfetzt zugleich. Ein Outfit, wie gemacht für einen Antihelden.

"Wollen Sie auch erst mal ’nen Kaffee?" Schmidt füllt Kapseln in die Maschine. In anderen Vereinen achten Pressesprecher auf die Worte der Trainer. Ihn lässt man gewähren. Es gibt niemanden, der auf Roger Schmidt aufpasst, auf das, was er sagt.

"Berechenbarkeit mag ich nicht", sagt er. "Gegen den Strom zu schwimmen, finde ich schöner. Außerdem habe ich nichts zu verbergen." Schmidt achtet auf ein geordnetes Büro. Er hat zwei Kalender, auf einem sind die Spiele seiner Mannschaft eingetragen, auf dem anderen ordnet er den eigenen Tagesablauf. Jeden Abend notiert er eine Zusammenfassung des Tages in einer Word-Datei. Reingeschaut hat er noch nie, "aber wer weiß, wofür ich das noch gebrauchen kann". Auf dem Tisch Bleistift, Radiergummi, Kugelschreiber im Etui. Eine Tür führt in ein kleines Bad. Bevor er rausgeht ins Blitzlicht am Spielfeldrand, wirft er einen Blick in den Spiegel. Sein Aussehen ist ihm wichtig, auch wenn er das von sich weist.

Wie kein anderer seiner Zunft wird der 49-Jährige öffentlich attackiert. An diesem Morgen titeln die Zeitungen: "Roger Schmidt steht mit dem Rücken zur Wand!" Man kommt schon gar nicht mehr mit, so oft stand er in den vergangenen Monaten nach verlorenen Spielen seiner Mannschaft vor einer Wand. Noch eine Niederlage, heißt es, und das war’s mit ihm in Leverkusen.

Fürchtet er sich? "Ich werde nicht von Angst angetrieben", sagt er, serviert den Kaffee, und nach kurzem Schweigen schiebt er hinterher: "Die scheinen sich ja richtig darauf zu freuen, meine Entlassung zu verkünden. Na und? Ich kann auch ohne den Fußball leben." Da ist er wieder, dieser Schmidtsche Galgenhumor. Als ahne er an diesem Donnerstag im Februar schon, dass der Fernsehsender Sky 48 Stunden später seine Entlassung als beschlossene Sache verkünden wird.