Es klingt nach Elbphilharmonie und Hauptstadtflughafen, nur im Weltall: Das Satellitennavigationssystem Galileo, Europas größtes Industrieprojekt, sollte schon 2008 in Betrieb gehen und drei Milliarden Euro kosten. Fast ein Jahrzehnt später fehlt noch mehr als ein Drittel der geplanten 30 Satelliten, der Preis hat sich verdoppelt – und ob das System überhaupt jemals voll funktionsfähig wird, steht in den Sternen: An Bord der bereits gestarteten Satelliten grassiert eine merkwürdige Pannenserie.

Betroffen sind die hochpräzisen Atomuhren, der technische Kern des Navigationssystems. Vier Stück hat jeder Galileo-Satellit an Bord, neun der insgesamt 72 Uhren im All sind bereits ausgefallen. Bis die Fehler gefunden sind, müssen alle weiteren Galileo-Satelliten am Boden bleiben. Denn nach dem Start sind Reparaturen unmöglich. Acht Satelliten sollten innerhalb des nächsten Jahres auf die Umlaufbahn gebracht werden, stattdessen gehen ihre Uhren jetzt erst einmal zurück an die Hersteller in der Schweiz.

Sollte man es da nicht lieber gleich lassen? Es gibt ja das Global Positioning System, kurz GPS, mit dem sich heute schon hochpräzise navigieren lässt. Auch Smartphone-Besitzer und Autofahrer nutzen es längst. Und ab dem nächsten Jahr soll die dritte, deutlich verbesserte Generation in Betrieb gehen. Dazu gibt es zwei weitere Systeme, Glonass und Compass. Warum dann ein viertes, das teuer und noch lange nicht fertig ist?

Weil GPS den USA gehört. Und Glonass Russland. Und Compass China. Ob die drei Länder ihre Satellitensysteme Europa auch in Zukunft kostenlos zur Verfügung stellen werden, weiß niemand. Mit dem neuen US-Präsidenten kommt jetzt ein weiterer Unsicherheitsfaktor hinzu. Ein schnelles Dekret, eine Unterschrift würden ausreichen, um Europa in den Blackout zu stürzen. Und der würde nicht nur Smartphone-Besitzer und Autofahrer treffen, nicht nur Verkehr und Logistik lahmlegen. Auch der Hochfrequenzhandel an den Börsen oder die Steuerung des Stromnetzes brauchen die Atomuhren im All: Wer am Schalter für die Satellitennavigation sitzt, kann die Wirtschaft Europas ausknipsen.

Deshalb braucht Europa ein eigenes Navigationssystem. Ein paar kaputte Uhren dürfen kein Argument sein, um das ganze Galileo-Projekt einzustampfen. Solche Anfangsschwierigkeiten sind außerdem normal: Auch bei GPS und Compass gab es Probleme mit den Uhren, Glonass war sogar über Jahre außer Betrieb. Nur Schlagzeilen machten die Pannen nicht, denn alle drei Systeme gehören dem Militär – und das verordnet Stillschweigen. Zudem ist keiner der bisher gestarteten 18 Galileo-Satelliten komplett ausgefallen. Auf jedem funktionieren noch mindestens zwei Uhren, eine würde sogar reichen.

Wer am europäischen System sparen will, sollte bedenken: Ein Komplettausfall der Satellitennavigation wäre schon nach wenigen Tagen wesentlich teurer als das gesamte Galileo-Programm.