Ist eine Sepsis weit fortgeschritten und der Kreislauf angegriffen, spricht man von einem septischen Schock. Manchmal ist das künstliche Koma die letzte Chance, dem Körper zu helfen, das biochemische Chaos in seinen Blutbahnen und den Organen durchzustehen. "Dabei wird der Körper heruntergefahren, was die Zugriffsmöglichkeiten der Medizin steigert", erklärt der Mannheimer Anästhesiologe Thiel. "Wenn etwa die Lunge und das Herz-Kreislauf-System nicht mehr richtig funktionieren, dann lässt sich die Sauerstoffversorgung des Körpers mit künstlicher Beatmung und mit Infusionen sicherstellen. Die Funktion ausgefallener Nieren können wir mit vorübergehender Dialyse ersetzen." Das alles ist aber nur eine unterstützende Behandlung. Die einzig wirksame Therapie der Sepsis besteht in der frühzeitigen Kontrolle der Infektion durch Antibiotika und manchmal durch eine operative Behandlung des Infektionsherdes. Der Erfolg hängt also letztlich davon ab, ob eine Sepsis rechtzeitig diagnostiziert wurde.

Deshalb forscht Thiel mit Kollegen an einem automatischen Frühwarnsystem für Sepsis. Mit Unterstützung der Heidelberger Klaus Tschira Stiftung haben sie dafür Patientendaten analysiert, die im Laufe der letzten Jahre auf einer Intensivstation gesammelt wurden. Darunter fallen allgemeine Daten wie das Alter ebenso wie Aufzeichnungen von Überwachungsmonitoren, etwa Blutdruck und Puls, und Laborergebnisse. So konnten die Forscher Veränderungen identifizieren, die der Entwicklung einer Sepsis oft vorangehen. Der erste Testlauf mit dem daraus entstandenen Algorithmus war vielversprechend: Bei acht von zehn schwer verletzten Patienten, die während ihrer Behandlung auf der Intensivstation an einer Sepsis erkrankten, wurde diese vom Algorithmus erkannt.

Für Arne Trumann kommt die Diagnose an jenem 12. Februar 2012 sehr spät. Er überlebt – aber weil die Durchblutung der linken Hand über einen längeren Zeitraum gestört war, müssen die Ärzte ihm einen Teil der Fingerglieder amputieren. Ein Schock für Trumann, der ein leidenschaftlicher Klavierspieler ist. Ob von der Hand aus die Sepsis ihren Lauf nahm, wissen die Ärzte bis heute nicht. Sie suchten in seiner Lunge nach einer Infektion, nach Wunden auf der Haut und im Mund, sie fanden nichts. Trumann erinnert sich später, dass er ein paar Tage zuvor einen Finger der linken Hand beim Aufräumen im Keller aufgeschrammt hat. Ob dort ein Erreger eingedrungen ist und alles ausgelöst hat? Trumann wird es nie sicher wissen.

"Am Anfang habe ich mich nur langsam erholt, die Rehabilitation dauerte Monate", sagt Trumann. Trotzdem hatte er genug Kraft, um im selben Jahr zur Arbeit zurückzukehren. Heute, fünf Jahre später, sind die fehlenden Fingerglieder der einzige bleibende Schaden, den Trumann von der Sepsis behalten hat. Aktuell geblieben ist ihm seine Erkrankung in anderer Form: Trumann engagiert sich bis heute für eine Aufklärung über die Krankheit. Er sitzt unter anderem im Vorstand der Sepsishilfe. Er will die Erkrankung unter Ärzten und in der Gesellschaft bekannter machen. Damit die Diagnose rechtzeitig gestellt wird.

Und was wurde aus dem Arzt, der die Sepsis damals nicht erkannt hatte? Die Ehefrau von Trumann hat einmal seine Praxis aufgesucht, weil sie mit ihm über die Geschichte sprechen wollte. Doch die Sprechstundenhilfe hat sie auf Geheiß des Arztes weggeschickt. Trumann hat den Arzt nicht verklagt, hofft aber, dass er die nächste Sepsis erkennt.

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