Auf den ersten Blick deutet nichts darauf hin, dass auf dem Bürgersteig vor der Kneipe Zum Frühaufsteher Schüsse gefallen sind. Erst wenn man genauer hinsieht, erkennt man die gelben Kreise, die die Ermittler auf den Boden gesprüht haben, man bemerkt das Einschussloch im Fenster des benachbarten Ok Cloth Shop, von dem aus sich kleine Risse durch die Glasscheibe ziehen.

Wie mit den Spuren ist es auch mit den Menschen, die hier arbeiten, sie können einem kaum dabei helfen, sich ein klares Bild zu machen. Viel Erinnerung an den Vorfall haben die meisten nicht. Er habe geschlafen, als die Schüsse fielen, sagt der Verkäufer im Klamottenladen. Und die Wirtin im Frühaufsteher sagt, sie habe das alles erst Stunden später erfahren, obwohl sie nicht mal fünf Meter vom Tatort entfernt arbeitete.

Aber egal, ob sie dabei waren: Die meisten hier haben eine Meinung. "Ein besoffener Idiot" sei der Angeschossene gewesen, sagt ein Mann an der Bar. "Wird wohl was gemacht haben, dass er ’ne Kugel abbekommen hat." Eine Frau aus Somalia neben ihm sagt: "Die Polizisten hier sind alles Rassisten. Es war nur eine Frage der Zeit, bis einer abdrückt."

Klar ist, dass am 1. Februar in der Robert-Nhil-Straße hinterm Hauptbahnhof ein Ghanaer von einem Polizisten angeschossen wurde. Warum? Dazu kursieren verschiedene Versionen in St. Georg. Die Geschichte zeigt, wie sehr sich Erzählungen und ihre Deutungen verselbstständigen können. Und sie deutet an, wie schnell auch in Deutschland klare Fronten zwischen schwarzer und weißer Bevölkerung entstehen können, wie man sie aus den USA kennt.

Die offizielle Version: Es ist ungefähr 16 Uhr, als der 33-jährige Augustine O. an jenem ersten Mittwoch im Februar einen Polizeibeamten in Zivil mit einem Messer attackiert. So schreibt es die Polizei in ihrer Pressemitteilung. Der Fahnder war demnach von zwei Frauen um Hilfe gerufen worden, weil sie eine sich "aggressiv verhaltende männliche Person, mit einem Messer bewaffnet" beobachtet hätten. Zur Verteidigung habe der Polizist "zunächst Pfefferspray" eingesetzt. Als Augustine O. nicht davon abließ, mit einem Taschenmesser "auf den Beamten einzustechen", habe der von seiner Schusswaffe Gebrauch gemacht – "mehrmals", wie Polizeisprecher Timo Zill später am Tatort in eine Kamera sagte. Offenbar fielen drei Schüsse. Es habe sich, so Zill, um eine "offensichtliche Notwehrsituation" gehandelt.

Die Situation nach den Schüssen kann sich heute jeder auf YouTube ansehen, ein Augenzeuge hat sie mit seinem Handy gefilmt. "Gehen Sie bitte alle weg", sagt da ein Polizist zu den Umstehenden. "Why?", schreit ein Mann aus dem Hintergrund. "Das ist jetzt ein Tatort", sagt der Polizist. Hinter ihm steckt ein Zivilfahnder gerade seine Pistole weg, neben ihm liegt ein Mann in brauner Lederjacke auf dem Bürgersteig: Augustine O. Der Mann auf dem Boden versucht sich aufzurichten, sackt wieder zusammen. Im Hintergrund hört man einen Streifenwagen heranrasen, während der Polizist die Straße mit rot-weißem Flatterband absperrt.

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Augustine O. ist schwer verletzt, er wird im Krankenhaus notoperiert, auf dem Bürgersteig hinterlässt er eine Lache aus Blut. Inzwischen wurde ein Haftbefehl gegen ihn erlassen, wegen gefährlicher Körperverletzung, Bedrohung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, er ist jetzt ein Täter. Aber für viele sieht er, auf dem Boden liegend, auch aus wie ein Opfer.