Eine Revolution: Firmen sollen dort besteuert werden, wo sie ihre Produkte verkaufen

Amerikas Republikaner planen die größte Reform der Besteuerung von Unternehmen seit Jahrzehnten. Wobei Reform noch untertrieben ist. Steuerpolitisch wäre die Umsetzung eine Revolution.

Bisher werden fast überall auf der Welt die Gewinne von Unternehmen dort besteuert, wo sie erwirtschaftet werden. Baut VW zum Beispiel Autos in einem Werk in Wolfsburg, zahlt der Konzern in Deutschland Steuern. Baut er sie in Tennessee, profitiert der amerikanische Fiskus. Mit diesem grundlegenden Prinzip wollen die Republikaner radikal brechen. Besteuert werden sollen Unternehmen künftig nicht mehr dort, wo sie etwas herstellen, sondern dort, wo sie es verkaufen. Für jedes in den USA verkaufte Auto müsste VW dann in den USA Steuern zahlen, unabhängig davon, wo der Konzern es hergestellt hat. Das bisherige System der Unternehmensbesteuerung wäre Geschichte.

An seine Stelle soll nach Plänen der Republikaner ein Konzept treten, das maßgeblich von dem US-Ökonomen Alan Auerbach von der Universität Berkeley und seinem britischen Kollegen Michael Devereux aus Oxford erdacht wurde. Ihre destination-based cash flow tax, so der ziemlich sperrige englische Begriff, kann man sich am ehesten als eine Art Mehrwertsteuer vorstellen, die auf jedes verkaufte Produkt in den USA erhoben wird. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Anders als bei einer reinen Mehrwertsteuer dürfen die Unternehmen die Löhne, die sie Mitarbeitern in den USA zahlen, steuerlich geltend machen.

Was das konkret bedeutet, lässt sich am besten an einem fiktiven Beispiel verdeutlichen: Würde VW für eine Million Euro Autos in den USA verkaufen und der Steuersatz 20 Prozent betragen, müsste der Konzern, sofern er nur in Europa produziert, 200.000 Euro Steuern zahlen. Beschäftigt er aber auch Mitarbeiter in den USA, denen er zusammen 500.000 Euro an Lohn zahlt, könnte er diese Summe von seinen Einnahmen abziehen. Es verblieben dann nur 500.000 Euro, die er versteuern müsste – und damit 100.000 Euro, die VW an den amerikanischen Fiskus zu entrichten hätte. Der politische Wille ist klar zu erkennen: Unternehmen, die für Arbeitsplätze in den USA sorgen, sollen vom Staat belohnt werden.

Theoretisch könnte die Idee Steueroasen austrocknen

Der Plan aus den USA könnte das Problem lösen, dass Konzerne oft kaum Steuern zahlen. Das zumindest glauben viele Ökonomen. Würde das Konzept weltweit eingeführt, so schreiben etwa die Steuerexperten Johannes Becker und Joachim Englisch von der Universität Münster, könnte es "nahezu alle drängenden Probleme lösen, die heute die Diskussion um die Unternehmensbesteuerung prägen".

Warum das so ist, lässt sich am besten mit der großen Schwäche des bisherigen Besteuerungsprinzips erklären. Es beruht darauf, dass ein Konzern dort Steuern bezahlt, wo er seine Wertschöpfung generiert. Nur ist das bei internationalen Konzernen oft gar nicht leicht zu sagen. Alan Auerbach, einer der beiden geistigen Väter der geplanten amerikanischen Steuerreform, hat es in einem Interview einmal so formuliert: "Wo verdient ein Unternehmen wie Apple sein Geld, das es mit dem iPhone macht? Im Silicon Valley? In China? Oder in Irland, wo es einen Teil seines immateriellen Eigentums hat? Es ist wirklich schwer zu entscheiden."

Das nutzen die Konzerne aus, indem sie ihre Wertschöpfung, also die Gewinne, mit allen möglichen Rechentricks in solche Länder verschieben, in denen die Steuern am niedrigsten sind. Oder sie siedeln sich tatsächlich dort an, wo der Fiskus den Firmen besonders attraktive Steuerdeals anbietet, um sie damit auf Kosten anderer Staaten anzulocken. Beides – das geschickte Verschieben von Gewinnen und der Steuerwettbewerb zwischen den Staaten – führt dazu, dass viele internationale Konzerne heute kaum Steuern bezahlen. Bei Apple sind es nach eigenen Angaben außerhalb der USA sechs Prozent.