Zuhinterst im Bündner Oberland sind die Gipfel nah und die Zukunftsängste groß. Rico Tuor sitzt in der Sonne vor dem neu eröffneten Hotel Medelina und blickt über die Dächer von Curaglia. Ein Dorf, gelegen auf 1.500 Meter über dem Meer in einem Seitental der Surselva. Hier gibt es keine Skilifte, keine Thermalquellen, keine Sehenswürdigkeiten. Nur Verrückte, könnte man meinen, planen hier im Val Medel ein Hotel für knapp zwei Millionen Franken.

"Am Anfang sagten die Leute, ich würde spinnen", sagt Rico Tuor, der Initiant und Verwaltungsratspräsident des Hotels, und zieht an seiner Zigarette. Tuor, 38 Jahre alt, ist einer von hier und denkt trotzdem anders als manche Einheimische. Ein paar Dörfer talabwärts aufgewachsen, verließ er die Berge kurz nach der Schulzeit. Zog nach Zürich, studierte Geografie, arbeitete für die Vereinten Nationen in Laos. Und kehrte vor fünf Jahren in die Gegend zurück, aus deren Enge er einst geflohen war. Tuor will der Region zu neuem Aufschwung verhelfen.

Denn immer öfter bleiben die Hotelbetten in den Bündner Bergen leer. Die Übernachtungszahlen gehen zurück, um knapp 15 Prozent seit Anfang des Jahrtausends. Die Gründe dafür sind dieselben wie überall in den Schweizer Alpen: der starke Franken, der schwache Schneefall, die niedrigen Flugpreise. Anfang Februar veröffentlichte der liberale Thinktank Avenir Suisse eine Studie zur Wertschöpfung in den Berggebieten. Das Fazit der Ökonomen war klar: Wer nichts wagt, verliert.

Ein Wagnis und eine Chance ist auch das Hotel Medelina. Aber das sehen in Curaglia nicht alle so. Wie skeptisch viele Einheimische gegenüber Veränderungen sind, zeigte sich zuletzt vor wenigen Monaten, als der geplante Nationalpark Adula an der Urne scheiterte. Auch gegen das Hotel von Rico Tuor gab es Widerstand. Er äußerte sich an der Gemeindeversammlung, am Stammtisch, in Leserbriefen. Der Präsident der regionalen SVP schrieb in der Südostschweiz, die Finanzierung des Hotels sei nicht transparent. Ein Vorwurf, der sich als haltlos erwies. Der Politiker musste sich schließlich entschuldigen.

Der Widerstand ist nur schwer nachvollziehbar. Das Val Medel braucht dringend neue Ideen. Lebten hier vor zehn Jahren noch 460 Menschen, sind es heute knapp 390. Die Straße von Disentis, dem Hauptort der oberen Surselva, nach Curaglia führt durch eine schmale Schlucht ins Tal. Das Postauto fährt alle zwei Stunden. Touristen kommen nur selten – das soll sich nun ändern.

Das Hotel Medelina hat 42 Betten, einen Seminarraum, eine Bibliothek und eine Geschichte, die viel erzählt über das Ringen der Berggebiete um eine wirtschaftliche Zukunft. Und über den Unterschied, den die Idee eines Einzelnen hier oben machen kann.

Das Haus, in dem seit Ende Januar die Touristen schlafen, war einmal ein Alters- und Pflegeheim. Bis die Gemeinde vor einigen Jahren den Betrieb einstellte, weil er zu teuer war. Seither stand das Gebäude leer. 2012 dann suchte der umtriebige Gemeindepräsident Peter Binz, selber ein Zugezogener aus dem Unterland, einen Wirtschaftsförderer für das Tal – und traf auf Rico Tuor. Einen Tag pro Woche kümmerte sich dieser fortan um die wirtschaftliche Zukunft des Val Medel. Teil seines Auftrags: Tuor sollte das leer stehende Haus am Dorfrand neu nutzen. Gemeinsam mit der Gemeinde prüfte er verschiedene Möglichkeiten: ein Heim für Jugendliche, eine Burn-out-Klinik, ein Seniorenhotel. Bis Tuor eines Tages aussprach, was er sich bereits seit Langem überlegt hatte. Eine Idee, so naheliegend wie verwegen. Weshalb machen wir daraus nicht ein Hotel?