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Eine Zahl geistert durch Berlin, die alle Politiker, die im Herbst die Bundestagswahl gewinnen wollen, nach Möglichkeit verschweigen: 75 Milliarden. So viel, nämlich 75 Milliarden Euro, wird Deutschland im Jahr 2024 für seine Verteidigung ausgeben müssen, für Panzer und Kampfjets, für Soldaten im Manöver und im Auslandseinsatz, für Aufklärung und Cyberabwehr. Derzeit sind es rund 36 Milliarden. Den Verteidigungshaushalt binnen sieben Jahren mehr als zu verdoppeln – wer das den Deutschen in einem Wahljahr als Versprechen verkaufen will, kann schon mal auf den Oppositionsbänken Probe sitzen. Weshalb die Union und die SPD nun ein Problem haben.

Eingebrockt haben sie es sich selbst. Unter dem Eindruck der Annexion der Krim durch Russland erklärten die Nato-Mitgliedsländer 2014 auf ihrem Gipfel in Wales eine lose Selbstverpflichtung aus dem Jahre 2002 zum verbindlichen Ziel: Zwei Prozent seines jeweiligen Bruttoinlandsproduktes (BIP) solle jedes Land künftig für die Verteidigung ausgeben. Eine Übergangsfrist von zehn Jahren wurde vereinbart. Deutschland investiert derzeit 1,2 Prozent seines BIP in den Etat von Ursula von der Leyens Ministerium und liegt im Nato-Ranking damit auf Platz 16 von 28 Staaten. Setzt es sein Versprechen um, so wächst der Verteidigungsetat bis 2024 – bei einem Wirtschaftswachstum von durchschnittlich zwei Prozent pro Jahr – auf 75 Milliarden Euro. Das offene Geheimnis: Niemand hat die Absicht, diese Vereinbarung einzuhalten.

Die Zielvereinbarung von 2014 hatte für die meisten Nato-Länder rein symbolischen Gehalt. Auf das Drängen von US-Präsident Barack Obama, endlich mehr Geld für die Verteidigung auszugeben, antworteten die Europäer mit einem beherzten "Na klar!", um die Sache dann auf die lange Bank zu schieben. Diese "Schau’n mer mal"-Attitüde fand mit dem Wechsel im Weißen Haus ein Ende. Donald Trumps Drohung, die USA würden nur diejenigen beschützen, die ihren Verpflichtungen nachkämen, hat auch die Bundesregierung aufgeschreckt. Union und SPD verfolgen zwar das gleiche Ziel: Sie wollen trotz der Zusage in Wales auch künftig deutlich weniger als zwei Prozent des BIP ausgeben. Doch sie verfolgen unterschiedliche Erklärungsstrategien: Die Sozialdemokraten wollen Trump beibringen, dass sich Sicherheit nicht allein an der Höhe des Verteidigungsetats bemesse. Die Union wiederum will anstelle von mehr Geld mehr militärische Effizienz anbieten. Die Kanzlerin, wahre Großkoalitionärin, argumentiert in beide Richtungen.

Außenminister Gabriel ließ am vergangenen Wochenende wissen, dass er "die isolierte Betrachtung von Verteidigungsetats" für falsch halte. Deutschland gebe mehr für Entwicklungshilfe aus als andere Nato-Staaten – und allein "30 bis 40 Milliarden im Jahr für die Integration von Flüchtlingen". Botschaft: Diese Gelder seien ebenfalls Sicherheitskosten. Ähnlich äußerte sich Angela Merkel. Sie möchte die Ausgaben "für Entwicklungshilfe und Krisenprävention" berücksichtigt sehen.

Einen anderen Weg schlägt Ursula von der Leyen ein. Von dem Zwei-Prozent-Ziel hat sie, das machte sie auch bei diversen USA-Besuchen klar, nie viel gehalten. Von den 28 Nato-Staaten erfüllen derzeit gerade mal fünf diese Vorgabe. Neben den USA, Großbritannien, Litauen und Polen ist das Griechenland. Dass die Griechen den Deutschen als Vorbild hingehalten werden, hält von der Leyen für absurd. Denn die erreichen mit ihrem Verteidigungsetat nur deshalb zwei Prozent des BIP, weil ihre Wirtschaft massiv eingebrochen ist. Deutschland hingegen wächst seit Jahren robust, seine Ausgaben für die Verteidigung steigen in absoluten Zahlen nachhaltig, diejenigen Griechenlands sind abgestürzt. 1,2 Prozent von sehr viel sind nun mal mehr als 2,4 Prozent von ganz wenig.

Auch andere Merkwürdigkeiten stören das deutsche Verteidigungsministerium. Die Bundeswehr ist stark auf Nato-Anforderungen ausgerichtet, also an der Allianz orientiert. Andere Armeen – darunter diejenigen der USA, Frankreichs und Großbritanniens – sind das deutlich weniger. Ihre Etats gelten primär nationalen Interessen und dann erst der kollektiven Verteidigung. Außerdem lassen sich die Verteidigungsetats ohnehin sehr bedingt miteinander vergleichen. In Frankreich zum Beispiel fallen alle Kosten für die Gendarmerie und die Feuerwehr im Verteidigungsressort an.

Von der Leyen hat auf der Münchner Sicherheitskonferenz am vergangenen Wochenende trotzdem Entgegenkommen signalisiert. Sie will Zeit gewinnen. Bis zum Jahresende soll nun ein Plan ausgearbeitet werden, wie das Zwei-Prozent-Ziel zu erreichen ist. Fürs Erste kann von der Leyen darauf verweisen, dass der deutsche Verteidigungsetat seit geraumer Zeit wieder steigt. Bis zum Jahr 2030 wird die Bundeswehr 130 Milliarden Euro in Rüstungsvorhaben investieren. Von der Leyen will die neue US-Regierung von der BIP-Fixierung abbringen – und sie in eine Effizienzdebatte hineinschmeicheln. Motto: Wenn wir in Europa die nationalen Armeen stärker miteinander vernetzen, dadurch Geld einsparen und dieses Geld in die Modernisierung der Armeen stecken, dann müssen auch die Amerikaner zufrieden sein. Denn auch deren Ziel ist letztlich nicht mehr Geld im System, sondern mehr Schlagkraft.