In der Tat ist die Frage berechtigt, ob die 28 Nato-Staaten nicht schon jetzt mehr als genug Geld für ihr Militär ausgeben, gerade im Vergleich zu Russland. Im vergangenen Jahr addierten sich die Verteidigungsbudgets der Nato-Mitglieder je nach Berechnungsart auf zwischen 820 und deutlich mehr als 900 Milliarden Dollar. Russland gibt nicht ein Zehntel so viel Geld für sein Militär aus; 2016 waren es etwa 66 Milliarden Dollar. Auf diese Zahlen weist vor allem die Linkspartei immer wieder hin. Eine Aufrüstung der Nato sei deshalb "Irrsinn", sagt die Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht.

Der Vergleich relativiert sich angesichts der Tatsache, dass die Nato-Staaten gut 930 Millionen Einwohner beschützen und Russland nur 144 Millionen. Doch aus einem noch wichtigeren Grund erzeugt der Kostenvergleich ein schiefes Bild: "Zusammengenommen ist Europa der weltweit zweitgrößte Militärinvestor. Aber es ist weit davon entfernt, die zweitgrößte Militärmacht zu sein", bilanzierte im Juni 2015 der Sicherheitsberater der EU-Kommission, Michel Barnier. Der Tenor seiner Kritik an Europas militärischer Integration: Wir leisten uns eine Menge Schwachsinn. Wenn die einzelnen Nationen der EU lieber ihre jeweils eigenen Lastwagen, Panzer und Raketen entwickelten und bauten, statt EU-Modelle aufzulegen, müssten sie sich nicht wundern, wenn die Rüstungsausgaben bizarr hoch blieben.

Im Jahr 2013, so hieß es im Barnier-Bericht, beschränkten sich 90 Prozent aller Rüstungsentwicklungs- und 84 Prozent aller Beschaffungsprogramme innerhalb der EU auf die nationale Ebene. Ein paar plastische Beispiele: Europa leistet sich 17 verschiedene Arten von Kampfpanzern. Der US-Armee genügt eine Sorte. Europa unterhält 20 Typen von Kampfflugzeugen. Die USA elf. Anzahl der Zerstörer- und Fregatten-Typen: EU 29, USA vier. Eine italienische Studie über die Effizienz Europas als Militärmacht kommt daher zu dem Schluss, dass es 310.000 Euro mehr kostet, einen EU-Soldaten in eine Auslandsmission zu schicken als einen amerikanischen Soldaten.

Dies ist nicht nur der Preis des grassierenden volkswirtschaftlichen Egoismus, sondern auch der unterschiedlichen sicherheitspolitischen Kulturen innerhalb Europas. Während in Deutschland jeder Militäreinsatz, beruhe er auch auf einem EU-Beschluss, vom Bundestag genehmigt werden muss, kann der französische Staatspräsident freihändig Soldaten entsenden. Auch daher rührt die Scheu vorm Zusammenwachsen. Eine Parlamentsarmee lässt sich mit einer Präsidialarmee nur bedingt verschmelzen.

Die russische oder chinesische Rüstungspolitik ist frei von derlei politischen Nebenkosten. Jeder Rubel, jeder Yuan fürs Militär kauft deshalb mehr Feuerkraft als jeder Euro. Zu ehrlichen Vergleichen gehört außerdem, dass die Putin-Regierung ihre Rüstungsausgaben auf einer Höhe von vier bis fünf Prozent des BIP hält. Zwischen 2005 und 2014 wuchs der russische Militärhaushalt um 97 Prozent, während derjenige der EU-Staaten um insgesamt neun Prozent fiel. Mittlerweile sind die russischen Ausgaben zwar stark gesunken – aber nicht etwa, weil dies politisch gewollt gewesen wäre, sondern aufgrund zweier anderer Entwicklungen: Zum einen brach der Ölpreis ein, was zu einem 60-prozentigen Wertabfall des Rubels gegenüber dem Euro führte. Zum anderen fielen den Russen wegen des von ihnen angezettelten Krieges in der Ukraine wichtige Zulieferer von dort weg – und wegen der Sanktionen auch solche aus der EU. Und schließlich: Nicht das nominale Budget weist darauf hin, wer wen bedroht, sondern das tatsächliche Verhalten.