Ist es ein grundsätzlicher Unterschied, ob ein Terrorist mit einem Fahrzeug gezielt Menschen tötet oder ob ein Autoraser in einem illegalen Rennen jemanden zu Tode fährt – sozusagen als "Kollateralschaden"? Das Bauchgefühl mag sagen: Ja, das ist ein Unterschied, denn anders als der Terrorist setzt sich der Raser nicht mit dem Ziel hinters Steuer, Menschen umzubringen.

Aber ist es tatsächlich etwas anderes, ob jemand mit direkter Tötungsabsicht handelt oder es ihm "nur" völlig gleichgültig ist, wenn am Ende jemand tot am Straßenrand liegt?

Nein, sagte das Berliner Landgericht jetzt, jedenfalls nicht in jedem Fall, und zog einen bahnbrechenden Schluss: Es verurteilte zwei Raser, die den Tod eines Unbeteiligten verursacht hatten, nicht wie bislang meist üblich wegen fahrlässiger Tötung. Auch nicht, was ebenfalls hin und wieder geschieht, wegen vorsätzlichen Totschlags. Die Richter holten den härtesten Knüppel aus dem Strafrechtssack und erkannten auf Mord. Darauf steht lebenslange Freiheitsstrafe (was in der Regel 15 Jahre hinter Gittern sind).

Zum ersten Mal wurden in Deutschland Raser als Mörder bestraft. Zu Recht. Seit Ewigkeiten sterben Menschen auf deutschen Straßen, getötet von Fahrern, die das zwar nie unmittelbar beabsichtigten, aber sehr wohl in Kauf nahmen. Anders als manche nun behaupten, dehnten die Richter den Mordparagrafen nicht unzulässig aus. Sie haben lediglich – und endlich – getan, wozu sie berufen sind: das bestehende Recht angewendet. Ihr Urteil ist wegweisend, auch wenn es vor dem Bundesgerichtshof nicht Bestand haben sollte.

Der Fall: zwei bärenstarke, aufgemotzte Sportwagen; zwei zu allem entschlossene Fahrer; der Berliner Kurfürstendamm, eine große Straße, auf der zum Zeitpunkt der Tat, am 1. Februar 2016 nachts um 0.40 Uhr, auch noch andere Autos fuhren; ein Rennen mit bis zu 160 Stundenkilometern; elf überfahrene rote Ampeln; ein Jeep, der in die Quere kam, 72 Meter weit geschleudert wurde und dessen Fahrer, ein 69-jähriger pensionierter Arzt, an den Folgen des Aufpralls starb.

Der Prozess: Der Ruf, die Täter mit der "ganzen Härte des Gesetzes" zu bestrafen, war ohrenbetäubend laut, viele wollten die beiden Täter wegen Mordes verurteilt sehen.

Doch die Richter schielten nicht nach Beifall, sondern wägten die Argumente. Wie Wissenschaftler analysierten sie die Tat und ihre Umstände. Am Ende blieb nur der Schluss: Die Täter handelten mit bedingtem Tötungsvorsatz. Wer mit 160 Stundenkilometern über den Ku’damm donnert und reihenweise rote Ampeln überfährt, spielt russisches Roulette, er weiß, dass unbeteiligte Menschen überfahren werden können, und nimmt, wie Juristen das nennen, ihren Tod "billigend in Kauf".

Ein Mord ist es, weil sie wussten, dass sie die Folgen dieser wahnsinnigen Raserei nicht kontrollieren konnten. Schließlich lieferten sie sich das Wettrennen nicht auf einem stillgelegten Flugplatz oder irgendwo in der Walachei, sondern im Herzen der Millionenstadt Berlin. In dieser Nacht machten sie ihre Fahrzeuge zu einem unberechenbaren Geschoss – zu einem "gemeingefährlichen Mittel" im Sinne des Mordparagrafen.

Zu lange hat die Justiz derartige Taten allzu nachsichtig bestraft. Meist werden illegale Autorennen als Ordnungswidrigkeit mit einer Geldbuße und Führerscheinentzug geahndet. Stirbt ein Mensch dabei, erkennen die Gerichte auf fahrlässige Tötung oder inzwischen auch immer öfter auf Totschlag.

Doch es gibt da ein Problem: Erstere Tat wird mit höchstens fünf Jahren Gefängnis bestraft, was zu wenig ist. Wird hingegen vorsätzlicher Totschlag angenommen, müsste man eigentlich gleich wegen Mordes bestrafen, weil das Auto ein "gemeingefährliches Mittel" ist. Viele Richter scheuen sich, Raser als Mörder und damit zu lebenslänglicher Haft zu verurteilen. Sie bleiben darum lieber bei der Fahrlässigkeitstat.

Helfen könnte ihnen ein neuer Strafrechtsparagraf, der bereits die Teilnahme an "verbotenen Kraftfahrzeugrennen" (wozu auch das Kräftemessen mit Motorrädern gehört) mit mehrjähriger Gefängnishaft bedroht. Das Strafmaß kann auf bis zu zehn Jahre erweitert werden, wenn dabei Menschen verletzt oder getötet werden. Entwürfe gibt es bereits. Auch Gleichgültigkeit kann eine Aggression sein, die streng bestraft gehört.