Was darf Kunst? Eines jedenfalls nicht: einfach ungefragt loslegen. "Wir sind Teil des Kunstwerks, dann wollen wir gefälligst auch gefragt werden", sagt der Moderator der Sitzung des Veddeler Stadtteilbeirats. Der Raum ist klein und stickig, rund 40 Leute drängen sich, die meisten deutscher Herkunft. Ob jemals eine Sitzung dieses Gremiums so gut besucht war? Die Stimmung ist gereizt. Die Stimmung ist eindeutig: 40 gegen einen. Der eine ist der Mann, dessentwegen die 40 gekommen sind. Er heißt Boran Burchhardt und will in den kommenden Wochen dem Stadtteil ein spektakuläres Kunstwerk bescheren.

Konkret: Burchhardt möchte ab März ein Haus vergolden. Exakt 85.621,90 Euro hat die Kulturbehörde zugesagt, damit der Künstler die Backsteinfassade eines Saga-Mietshauses an der Brückenstraße 152 mit feinem Blattgold überzieht.

Formal war alles geklärt. Aber eben nur formal.

Burchhardt hat einen vergoldeten Backstein mitgebracht, um zu zeigen, wie seine Kunst aussehen soll, wenn sie mal fertig ist. Doch das macht die Stimmung nicht besser. "Ich lebe von Alg II", sagt eine Frau. So viel Geld für so eine Wand zu "verbrennen", das finde sie "total zynisch". Ein Immobilienbesitzer, der seine Wohnungen zu Innenstadtpreisen an Studenten vermietet, appelliert an die "Solidarität unter uns Veddelern" und warnt: "Je mehr wir uns wehren, desto größer ist der Kick für Boran Burchhardt." – "Dich will hier eh niemand haben!", ruft ein Student, Teil einer gentrifizierungskritischen Politgruppe, dem Künstler zu. "Du hast den Auftrag verfehlt, du hättest erst mit den Leuten sprechen sollen!"

Die Ablehnung schweißt sonst verfeindete politische Lager zusammen. Burchhardt, ein schmaler Mann in dunklem Jackett, wird von ihnen taxiert, als wolle er eine Giftmülldeponie in den Stadtteil setzen. Dabei macht er nur Kunst, und das auch noch in wohltätigem Auftrag. Seit Anfang 2016 ist Boran Burchhardt Stipendiat der "Stiftung Nachbarschaft" der stadteigenen Wohnungsgenossenschaft Saga. Ziel des Stipendiums ist unter anderem eine "verbesserte Außenwahrnehmung" der Veddel, aber auch "die Förderung eines niedrigschwelligen Zugangs von Stadtteilbewohnern zur Kunst sowie einer positiven Identifikation mit ihrem Stadtteil", so steht es in den Statuten. In den Statuten steht aber auch, dass der Künstler die Bewohner "im kreativen Prozess aktiv anspricht und einbindet".

Das habe er auch machen wollen, rechtfertigt sich der Künstler auf der Sitzung. Doch dann ist das Konzept vorzeitig an die Öffentlichkeit geraten. Ein SPD-Bezirkspolitiker, der bei der Sitzung der Kunstkommission war, die das Projekt ausgewählt hat, hat die Medien über die goldene Wand informiert. Und für die Medien war es ein Thema, das sich wunderbar in Schablonen fassen ließ: ein Künstler, der in einem benachteiligten Viertel für viel Geld ein abgehobenes Projekt macht. Nichts als grober Unfug stand über den Artikeln, oder: Das ist keine Kunst. Selbst der Spiegel berichtete und titelte: Gold an der Hauswand, nichts in der Tasche.

Dass die Medien groß berichteten, machte die Anwohner noch wütender. Wieder die alte Geschichte vom abgehängten Stadtteil, wieder die alten Klischees, stöhnten sie: "In der Kunstszene steht er jetzt ganz toll da, weil er im Spiegel war. Wir allerdings stehen schlecht da", sagt Klaus Lübke, SPD-Politiker. Er setzt einen Tweet ab: "Die Arroganz unseres #Stadtteilkünstlers treibt den #Stadtteilbeirat #Veddel gerade in den Wahnsinn."

Klaus Lübke sitzt in der Pizzeria Piccola, 150 Meter von der zu vergoldenden Backsteinwand entfernt. Die Sitzung ist ein paar Wochen her, die Aufregung ist noch da. Er ist sich sicher: Diese Idee funktioniere nur über den schlechten Ruf des Stadtteils. "Dann sagt Jens Riewa wieder in der Tagesschau, die Veddel sei ein Ghetto. Das stigmatisiert die Menschen hier und macht ihnen das Leben schwerer."

Auf der Fahrertür seines Autos hat Lübke einen Aufkleber angebracht, "Stadtteilkümmerer" steht darauf. Seit Jahrzehnten versucht er, gegen den Ruf als Problemviertel anzukämpfen. "Die goldene Wand macht die Menschen hier ungefragt zu Ausstellungsobjekten", findet der Politiker, der für die SPD in der Bezirksversammlung sitzt. Kultur auf der Veddel, das müsse anders gehen. Und das ging ja auch schon anders: Lübke erinnert an die Reihe New Hamburg des Schauspielhauses, bei der die Immanuelkirche auf der Veddel monatelang zum Spielort für Konzerte, Stadtteiltheater und Workshops wurde. "Da waren nicht nur die üblichen Bleichgesichter dran beteiligt", sagt er. Ein Vorzeigeprojekt in Sachen Beteiligung sei das gewesen. Im vergangenen Sommer repräsentierte das Projekt Deutschland bei der Biennale in Venedig: die Veddel, nicht mehr das gefährliche Ghetto, sondern der quirlige Multikulti-Stadtteil, das neue Deutschland. "Alle haben am Ende gesagt: Das ist doch was Nettes." Was Nettes. Nicht diese "Helikopterkunst", die von oben kommt.

Vielleicht ist das das Erstaunlichste an dem Streit um die goldene Wand: Die Gegner nehmen die Sache mit der Kunst im Stadtteil so bitterernst, dass sie Ansprüche an die Kunst stellen.