Bisher war die Welt von Charles Vögele violett. Manchmal tauchte ein bisschen Rot auf: Wenn zum Ende der Saison der Ausverkauf lockte. Aber jetzt stehen und kleben sie überall, vor jedem Geschäft: Die gelben Schilder. Letzte Reduzierungen: 3,– | 5,– | 10,– | 15,– | 20,– Franken. Die Stücke der Winterkollektion müssen raus. Es wird keine neue mehr geben.

Bald schließen die Vögele-Kleidergeschäfte. Die italienische Sempione-Gruppe hat das Unternehmen im vergangenen Jahr gekauft.

Gaetano Specchio, 48, arbeitet seit 28 Jahren bei Vögele und leitet die Filiale im Volkiland. Hier verwaltet er die übrig gebliebenen Hosen, Hemden und Blusen. Es ist Mittwochmorgen gegen halb zehn, das Einkaufscenter im zürcherischen Volketswil hat noch keine halbe Stunde geöffnet. Specchio, ein schlanker Mann mit dichtem Haar, trägt einen schmal geschnittenen Blazer ("Das Einzige, was nicht von Vögele ist"), ein weißes Hemd, Slim-Jeans.

Als er sein Geschäft kurz verlässt, in Richtung der Espressobar auf der gleichen Etage, sitzt davor eine Frau um die fünfzig, ihr gegenüber ein älterer Mann. "Buongiorno Signore Specchio!", ruft sie ihm entgegen. Sie ist ein bisschen beleidigt, dass er sich nicht sofort nach ihrer Befindlichkeit erkundigt hat. "Si, si, stiamo bene", beantwortet sie die Frage, die sie ihn gerne hätte stellen hören. "Ja, ja, es geht uns gut."

Eine Stammkundin, sagt Specchio später, er kenne sie seit Langem, sie habe schon ihre Söhne hier eingekleidet, als diese noch klein gewesen seien. "Die Frau ist traurig, dass Vögele bald schließt, viele andere Kundinnen auch", erzählt er. "Eine hat geweint an der Kasse."

Drei schlichte Buchstaben, Schwarz auf Weiß, werden die bunte Vögele-Optik bald ersetzen: OVS. Eine italienische Modekette mit "Fashion für die ganze Familie". Was Firmengründer Charles Vögele einst zum Geschäftsmodell gemacht hat, funktioniert nicht mehr: Mode für den Schweizer Durchschnitt. 1955 eröffneten Charles und seine Frau Agnes ihr erstes kleines Geschäft für Motorradbekleidung, in den achtziger Jahren dringen die Vögele-Filialen in die Schweizer Einkaufszentren vor.

So auch ins Volkiland. Blau gezackt ragt es in den grau verhangenen Zürcher Agglomerationshimmel. Der Dorfplatz der Vorstadt. Hier hat Charles Vögele vor dreißig Jahren sein "erstes und einziges Moderama" eröffnet. Eine neue Vertriebsform, eine Mischung aus Mode und Panorama. Mit "Mode in besonders großer Auswahl und in gut überschaubarer Form" warb Charles Vögele in Prospekten. "Ich hoffe, dass es Ihnen so gefällt wie mir." Dazu lächelte der ehemalige Formel-1-Rennfahrer mit schräg sitzender Fliegerbrille.