DIE ZEIT: Herr Fuest, alle reden von Populismus. Doch was ist Populismus für Sie?

Clemens Fuest: Populisten kann man daran erkennen, dass sie die Gesellschaft aufteilen in eine Elite, die sie als korrupt darstellen, und das Volk, das angeblich homogene Interessen hat, die von der Elite missachtet werden. Populisten behaupten, auf der Seite des Volkes zu stehen und es gegen die Elite zu verteidigen. Populisten grenzen sich vom Establishment ab, indem sie radikale Forderungen stellen.

ZEIT: Donald Trump mit seiner Mauer an der Grenze zu Mexiko zum Beispiel.

Fuest: Oder mit seinen Plänen für Strafzölle. Typisch für populistische Wirtschaftspolitik ist: Sie stellt Einzelaspekte wie etwa Immigration stärker in den Vordergrund, als es sachlich gerechtfertigt ist. Die negativen Seiten ökonomischer und politischer Globalisierung werden stark überzeichnet, und es wird ignoriert, was wir in der Ökonomie "Trade-offs" nennen: Wenn ich etwas tue, das an einer Stelle hilft, erzeuge ich Kosten an anderer Stelle. Populisten machen stattdessen stets schlichte Ansagen, die meistens falsch sind, weil die Welt kompliziert ist.

ZEIT: Martin Schulz, der Kanzlerkandidat der SPD, macht auch klare Ansagen. Er findet Deutschland ungerecht, will Zeitverträge und Managergehälter begrenzen. Ist er ein Populist?

Fuest: Typisch populistisch wäre es, wenn man befristete Arbeitsverträge generell verteufelt und beschließt, sie deshalb abzuschaffen. Man suggeriert, ein Problem sei mit einer einzelnen Maßnahme zu beheben – ohne Kosten.

ZEIT: Tut Schulz nicht genau das?

Fuest: Martin Schulz ist kein klassischer Populist. Dafür fehlen einige Zutaten: Er schimpft nicht auf Immigration; er kündigt nicht lauter Wohltaten an, die die Staatsschulden in die Höhe treiben. Aber im Wahlkampf zeigt er populistische Seiten: wenn er zum Beispiel vermeidet, auf die Nachteile einzugehen, die damit einhergehen, wenn man befristete Arbeitsverträge zurückdrängt.

ZEIT: Welche Nachteile sind das?

Fuest: Unternehmen werden vorsichtiger in ihrer Einstellungspolitik sein, wenn es kaum noch Zeitverträge gibt. Also entstehen weniger Stellen.

ZEIT: Sie haben soeben mit einigen Forschern einen Bericht über die Ökonomie der Populisten geschrieben. Ist Populismus immer schlecht?

Fuest: Nein. Es kommt vor, dass Populisten wichtige Debatten anstoßen, indem sie Gefühle aufgreifen, die in der Bevölkerung vorhanden sind. Nur sind sie oft einseitig und bieten keine oder die falschen Lösungen. Nehmen wir die Debatte über Managergehälter in Deutschland. Die bekommt dann populistische Züge, wenn der Eindruck entsteht, dass hier das Hauptproblem der deutschen Wirtschaft liegt. Ärger über Einzelfälle kann natürlich berechtigt sein.