Die Einführung der Dolby-Surround-Anlagen ist in der Erinnerung längst verblasst. Gab es Aufregung in den Kinosälen, spitze Entzückens- oder Entsetzensschreie vor dem heimischen Fernseher, wenn plötzlich ein Motorrad, das im Bild noch gar nicht zu sehen war, sich akustisch im Rücken der Zuschauer auf den Weg machte? Wir wissen es nicht mehr, der Effekt ist Gewohnheit geworden. Ob sich dagegen die neuen Nervo-Surround-Anlagen zu einer ähnlichen Selbstverständlichkeit entwickeln werden, scheint mehr als fraglich. Das liegt nicht an der Verkabelung der Zuschauer, an die Elektroden auf Stirn und Nacken kann man sich gewöhnen. Liegt es am Ende an der Herrschaft, die der Film nun nicht mehr allein über Auge und Ohr, sondern auch über die Gefühle gewinnt? Auf jeden Fall unbehaglich stimmt viele, dass sie über die Kabel nur scheinbar mit einem Apparat, tatsächlich aber mit einem anderen Menschen verbunden sind. Das liegt an den Tücken der neuen Technik. In der Frühzeit ließ man die Kinositze vibrieren oder Düfte aus ihnen aufsteigen, um Geruchs- und Tastsinn des Publikums anzusprechen. Die Wirkung war aber schwer zu kontrollieren. Salopp gesagt: Die einen fanden Käsegeruch anziehend, die anderen abstoßend. Man erkannte: Es reicht nicht, Gerüche zu übertragen, man muss die Gefühlswirkung dieser Gerüche übermitteln. Den entsprechenden Nervenreiz in die Zuschauerhirne elektrisch einzuspeisen war einfach; schwer dagegen, ihn zu erzeugen. Computer konnten das nicht; man musste die gewünschte Empfindung von einem lebenden Menschenhirn abnehmen, digital speichern und wieder abspielen. So konnte man alle Zuschauer zu Käseliebhabern machen. Das Beispiel ist aber natürlich zu harmlos. Tatsächlich bekommen wir nun die gesamte Vorstellungswelt der Regisseure elektronisch verabreicht, denn aus deren Hirnen werden die Nervenimpulse aufgenommen. Traurige Berühmtheit erlangte zuletzt ein Filmemacher, der den Auftritt seiner schwangeren Hauptdarstellerin von Nervenimpulsen begleiten ließ, die schwere Übelkeit erzeugten. Auf der ganzen Welt wurden Kinositze vollgekotzt angesichts einer Frau im fünften Monat, ein Skandal in jeder Hinsicht. Er wurde noch schlimmer, als sich zeigte, dass viele Zuschauer die Prägung nicht wieder loswurden und niemals wieder eine Schwangere sehen konnten, ohne sich spontan zu erbrechen. Insofern prophezeien wir der Technik keine große Zukunft und schon gar keine Selbstverständlichkeit.