Der Abend war eine riesige Enttäuschung. Wochenlang hatte sich Lena* auf den Abschlussball der Tanzstunde gefreut, hatte mit ihrer Mutter das rote Abendkleid ausgesucht, samt perfekt passenden Schuhen und Handtasche. Doch dann, plötzlich, hatte sie keine Lust zu tanzen. Sie hockte stattdessen den ganzen Abend über bei den Eltern am Tisch. "Nun los, geh doch endlich auf die Tanzfläche", drängte die Mutter, zunehmend genervt. Doch noch nicht einmal zu den ausgelassenen Gruppentänzen konnte Lena sich aufraffen. Sie begriff selbst nicht, was los war: "Ich war so enttäuscht von mir, weil ich den Abend überhaupt nicht genießen konnte."

Wenige Tage später lag die 15-Jährige auf der Intensivstation. Mit dramatisch erhöhten Blutzuckerwerten. Eine Situation, die lebensgefährlich werden kann. Diagnose: Diabetes mellitus Typ 1.

Seit diesem Tag, dem 15. Februar vor einem Jahr, ist in Lenas Leben alles anders. Die Krankheit erschütterte das Selbstbewusstsein der jungen Frau, stellte ihre Selbstdisziplin auf eine harte Probe.

Heute machen sich Ute und Felix Hansen* Vorwürfe, dass sie ihrer Tochter damals auf dem Ball so zusetzten. Schon in den Wochen zuvor hatte Lenas Vater seine pubertierende Tochter immer wieder angefahren, wenn sie schlapp herumhing: "Reiß dich zusammen, stell dich nicht so an." Denn Lena hatte in der Schule nachgelassen und wirkte unkonzentriert. Die Mutter ging mit ihr zum Hausarzt, zum Endokrinologen, zur Gynäkologin – alle tippten auf die Pubertät, keiner nahm Blut ab.

Wer Lena heute erlebt, lernt ein besonnenes, freundliches Mädchen kennen, zu dem solche Null-Bock-Allüren gar nicht passen. Sie leitet Konfirmandengruppen in der Kirche und möchte später Theologie studieren. Inzwischen glauben Lena und ihre Eltern, dass die ersten Symptome bereits ein Jahr vor der Diagnose auftraten. Schon damals wunderte sich eine Freundin, dass Lena immer so viel Wasser trank, ein erstes Indiz für die Krankheit (siehe Kasten). Ein paar Monate später war sie mit einem Mal immer sehr, sehr müde: "Ich dachte, ich bin einfach kaputt vom Lernen für die Klausuren."

An jenem Morgen des 15. Februar, als die Situation eskalierte, weckte Lena ihre Eltern. Sie hatte kaum geschlafen, hatte sich übergeben, klagte über Kopfschmerzen, konnte nur schwer atmen. Der Notarztwagen brachte sie in die Hamburger Uni-Klinik, wo man sie sofort mit Insulin stabilisierte.

Anschließend kam sie ins Altonaer Kinderkrankenhaus, in ein Zentrum für diabeteskranke junge Patienten. Zwei Wochen blieb Lena dort. Ein Team aus Ärzten und Psychologen, Sozialarbeitern, Diabetes- und Ernährungsberaterinnen bereitete sie und die Eltern auf das neue Leben vor. "Als Kinder-Diabetologin kann ich nicht einfach nur Ärztin sein", sagt Ulrike Menzel, die Leiterin der Abteilung. "Ich bin gleichzeitig Sozialpädagogin." Mit 15 Jahren streben Jugendliche nach Unabhängigkeit. Sie wünschen sich ein Leben ohne ständige Kontrolle durch die Eltern. Sie möchten sein wie alle anderen, dazugehören. Die Erkrankung macht sie aber anders. Und sie torpediert obendrein den natürlichen Freiheitsdrang. Noch mehr als in anderen Lebensphasen sorgt das für tiefe Verzweiflung und Wut. Gefühle, die auch Lena überrollten.

Die Psychologin Nicole Kretschmer suchte schon auf der Station das Gespräch mit Lena und ihren Eltern. "Die Angehörigen gehen sehr unterschiedlich mit der Diagnose um", sagt sie. "Manche Eltern sind völlig verzweifelt, andere sehen das eher locker." Doch auch für Letztere sei ein psychologisches Gespräch wichtig: Wenn die Eltern die Probleme abtun, glaubt das Kind womöglich, es dürfe nicht traurig oder wütend über die Erkrankung sein.

Für Lenas Mutter Ute war die Diagnose ein Schock. Die Angst um die Tochter begleitete sie anfangs Tag und Nacht. Sie wollte ihr Kind beschützen – wollte zunächst sogar nachts an Lenas Bett treten und im Schlaf ihren Blutzuckerspiegel kontrollieren. Die Tochter habe das energisch verhindert, sie sagte: "Um Gottes willen, Mama, das mach ich alles selbst." Lena hat auch selbst entschieden, über ihre Erfahrungen mit einer Journalistin zu sprechen, und hat ihre zögerlichen Eltern dazu überredet, dabei zu sein. "Ich habe gelernt, mich zu akzeptieren und zu meiner Krankheit zu stehen."