Morgens auf dem Weg zum Kindergarten. Meine Töchter (3 Jahre und 6 Jahre) wollen nicht die große Straße entlanglaufen, sondern über den Friedhof gehen.

Große Tochter: Bitte, Mama, der Friedhof ist so schön.

Kleine Tochter: Ja! Friedhof! Friedhof!

Wir gehen durch das Tor aufs Friedhofsgelände. Um uns herum sind Blumen.

Große Tochter: Schau mal, das ist Klatschmohn.

Kleine Tochter: Woher weißt du das?

Große Tochter: (zuckt mit den Schultern) Das weiß ich eben. Und das ist Lavendel.

Kleine Tochter: (bewundernd) Du kennst dich ja gut aus mit Blumen.

Einen Moment lang Stille.

Große Tochter: Mama, können wir zu den Kindergräbern gehen?

Kleine Tochter: Ja! Kindergräber!

Ich zögere.

Große Tochter: Bitte, Mama.

Wir gehen zu den Kindergräbern. Sie sind mit Spielsachen und Kuscheltieren geschmückt. Meine Töchter wandern durch die Reihen.

Große Tochter: Schau mal, der Schmetterling!

Kleine Tochter: Schau mal, der Engel! Und guck, das Windrad! Ich puste mal!

Die große Tochter liest die Namen auf den Grabsteinen. Nora. Anuk. David. Mit einem Mal dreht sie sich zu ihrer Schwester um.

Große Tochter: Guck mal, da auf dem Stein steht dein Name!

Kleine Tochter: Mama! Das ist mein Grab!

Ich: Nein, mein Schatz, das ist von einem anderen Kind.

Kleine Tochter: Aber wo ist das andere Kind?

Ich: Das ist tot. Das haben die Eltern begraben. Das liegt jetzt hier unter der Erde.

Kleine Tochter: Ach so, tot. Pause. Dann: Mama? Was ist das, tot?

Ich: Tot ist, wenn der Körper müde oder krank ist. Man schläft ein und wacht nicht wieder auf.

Kleine Tochter: Ich wache immer auf. Außer an meinem Geburtstag. Da schlafe ich lang, damit ihr alles schön macht auf dem Tisch. Mama, wann habe ich wieder Geburtstag?

Ich: Das dauert noch ein bisschen.

Große Tochter: Mama, bei diesem Kind ist der Geburtstag und der Sterbetag gleich.

Ich: Wahrscheinlich ist es direkt nach der Geburt gestorben. Das passiert manchmal. War es ein Junge oder Mädchen?

Große Tochter: Ein Junge. Mama, hier steht, er ist jetzt bei Gott.

Kleine Tochter: Nein, das stimmt nicht. Das Kind ist unter der Erde.

Große Tochter: Nein, bei Gott!

Kleine Tochter: Hä? Warum fällt es da nicht wieder runter? Wenn ich was hochwerfe, fällt das immer runter. Guck!

Sie wirft einen Stock in die Luft. Er fällt auf die Erde.

Große Tochter: Ja, weil das ein Stock ist und kein toter Mensch. Die Wolken können nur tote Menschen halten, das ist doch klar.

Kleine Tochter: Und wie ist Gott in den Himmel gekommen?

Große Tochter: Entweder die Engel haben ihn hochgetragen, oder es kam eine Wolke, und die hat ihn hochgebracht.

Kleine Tochter: Wie im Fahrstuhl?