Manchmal muss man für die wirklich interessanten Nachrichten das Kleingedruckte lesen. Im neusten Bericht des Internationalen Währungsfonds zur Lage der Weltwirtschaft findet sich versteckt auf der letzten Seite eine Tabelle, die es in sich hat. Sie zeigt, dass die Euro-Zone die Vereinigten Staaten von Amerika beim Wirtschaftswachstum überholt hat und unter den großen Wirtschaftsblöcken der westlichen Hemisphäre den ersten Platz einnimmt (siehe Grafik).

Europa vorn

Wirtschaftswachstum 2016

IWF © ZEIT-Grafik

Interessant ist diese Nachricht, weil sie im Widerspruch steht zum Bild von Europa als einer verlorenen Region im permanenten Krisenzustand. Und weil ausgerechnet in einer Phase allerhöchster politischer Anspannung die Anzeichen für ein ökonomisches Comeback des alten Kontinents nicht mehr zu übersehen sind.

Was ist da los?

Wir wachsen wieder

Für Pierre Moscovici war der jährliche Termin bislang eine Tortur: Immer im Februar stellt der Brüsseler Währungskommissar die neuesten Wirtschaftsdaten aus den Mitgliedsländern der Währungsunion vor, wobei er selten Erfreuliches zu berichten hat. Ganz anders in diesem Jahr. In allen Euro-Ländern hat die Wirtschaft die Rezession überwunden und wächst wieder. Seit 2013 sind knapp viereinhalb Millionen neue Arbeitsplätze entstanden – und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in Spanien, in Frankreich, in Italien und sogar in Griechenland. Die Arbeitslosenquote in der Währungsunion ist von mehr als zwölf Prozent auf zuletzt noch 9,6 Prozent zurückgegangen, sogar die Mindestlöhne steigen in den meisten europäischen Staaten. Und die Stimmung unter den Unternehmern und Verbrauchern ist Erhebungen der Kommission zufolge so gut wie seit sechs Jahren nicht mehr.

Das bedeutet nicht, dass alles in bester Ordnung wäre. Beispiel Spanien: Noch immer sind 40 Prozent der Jugendlichen arbeitslos. Doch das ist nicht nur eine Folge der Krise, denn in Spanien haben es junge Menschen seit je schwer auf dem Arbeitsmarkt. Selbst in den Boomjahren unmittelbar nach der Einführung des Euro lag die Jugendarbeitslosenquote bei über 20 Prozent. Schulen und Universitäten bereiten ihre Absolventen oft eher schlecht als recht auf das Berufsleben vor, und die spanischen Arbeitsschutzgesetze sind zum Teil so streng, dass viele Unternehmen sich auch in guten Zeiten mit Einstellungen zurückhalten. Doch immerhin hat die spanische Regierung nun eine Arbeitsmarktreform verabschiedet, die es den Firmen erleichtert, neue Mitarbeiter an Bord zu holen – und auch zu entlassen.

Zudem gilt: Die Situation am Arbeitsmarkt bessert sich nach einer schweren Krise in der Regel immer erst mit einer erheblichen zeitlichen Verzögerung. Das bedeutet, dass die Arbeitslosenzahlen weiter zurückgehen sollten, wenn sich das Wirtschaftswachstum fortsetzt. Die Finanzprofis jedenfalls haben sich entschieden: An den internationalen Kapitalmärkten sind europäische Aktien begehrt wie selten zuvor. Dort glaubt man offenbar, dass es genau so kommt.

Die Sparpolitik ist vorbei

In der vergangenen Woche hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung eine Studie veröffentlicht, die die "drastischen Sparmaßnahmen" für die scharfe Rezession in den Krisenstaaten der Währungsunion verantwortlich macht. Über die Aussagekraft solcher Studien lässt sich im Detail lange streiten, doch wahrscheinlich würde kaum ein Ökonom bestreiten, dass das Wachstum niedriger ausfällt, wenn der Staat Ausgaben zusammenstreicht. Wie das zu der positiven Entwicklung jetzt passt? Ganz einfach: Es gibt in Europa schon seit einiger Zeit keine drastischen Sparmaßnahmen mehr. Im Gegenteil: Die Kommission legt die Budgetregeln äußerst flexibel aus. Frankreich etwa verstößt seit Jahren gegen die europäischen Defizitvorgaben, passiert ist bislang wenig – auch weil die deutsche Regierung es mit dem Sparen längst nicht mehr so genau nimmt und Brüssel gewähren lässt. Und so wird in Europa wieder mehr öffentliches Geld ausgegeben. Der haushaltspolitische Impuls beläuft sich nach Expertenschätzungen auf etwa 20 Milliarden Euro jährlich.