Tito Tettamanti ist Financier. Er lebt im Tessin. © Andreas Meier/​Reuters

Lügen, grobe Unterstellungen, falsche Nachrichten: Fake-News sind dieser Tage in aller Munde. Zu Recht empört sich die halbe Welt darüber. Was im lauten Lamento aber vergessengeht: Es handelt sich dabei nicht um ein neues Phänomen – und es ist auch nicht so gefährlich, wie viele meinen.

Nehmen wir Fürst Metternich im frühen 19. Jahrhundert. Er pflegte englische Journalisten dafür zu bezahlen, dass sie die öffentliche Meinung beeinflussen. Oder das Jahr 1630, als in Mailand die Pest wütete. Da wurde, um den Menschen einen Grund für die schreckliche Seuche zu geben, eine finstere Figur erfunden. Der "Untore", der Salber, so erzählte man ihnen, bestreiche die Häuser mit Pestbakterien. So unwahr die Geschichte, sie nahm doch ganz und gar reale Züge an. Die armen Kerle, die als Salber bezichtigt wurden, hat man kurzerhand ermordet.

Wer etwas mitteilt, will etwas erreichen. Das gilt nicht nur für die Werbung, sondern auch für die Spindoktoren, die im Auftrag von Interessengruppen oder Politikern einem Thema den richtigen Dreh zu geben versuchen – und dabei auch wählerisch (und manchmal erfinderisch) im Umgang mit Fakten sind. Davon zeugen die mehreren Hundert Journalisten und PR-Leute in der Bundesverwaltung.

Viel gefährlicher als die offensichtlichen Fake-News sind die Halbwahrheiten. Erst recht, wenn sie von einflussreichen und glaubwürdigen Quellen stammen.

George Osborne, der britische Schatzmeister in der Regierung von David Cameron, zeigte vor dem Brexit-Referendum die wirtschaftlichen Folgen auf, die ein Ausstieg aus der EU für das Königreich haben würde: eine reine Katastrophe. Acht Monate später muss man nüchtern feststellen, dass das Gegenteil eingetroffen ist: Konjunktur, Arbeitsstellen, Handelsüberschuss, alles ist gestiegen, auch dank des britischen Pfunds, welches seither an Wert verloren hat.

Dessen ungeachtet, jammert die Financial Times Tag für Tag über die Dummheit der unkultivierten Engländer – also der Mehrheit –, die für den Ausstieg gestimmt haben.

Sie kennen mein Misstrauen gegenüber Staat und Bürokratie. Trotzdem war ich schockiert über den Bericht der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK), der den bundesrätlichen Prognosen ein vernichtendes Urteil gab. Die finanziellen Folgen von neuen Gesetzen werden oft völlig falsch eingeschätzt – oder überhaupt nicht. Noch schlimmer: Die EFK deckte Fälle auf, in denen die volkswirtschaftlichen Folgen sogar absichtlich zu optimistisch eingeschätzt wurden oder Daten nicht veröffentlicht wurden, um den Gegnern keine Argumente zu liefern.

Wer regiert die Schweiz?, fragten die drei ZEIT-Journalisten Matthias Daum, Ralph Pöhner und Peer Teuwsen vor drei Jahren in einem Buch. Ihre Antwort lautete: die Verwaltung. Nach den EFK-Enthüllungen müsste man fragen, ob sie dies mit getarnten Fake-News tut.

Unvergessen ist auch die Polemik um den Bericht des UN-Weltklimarates im Jahr 2014. Hunderte von Wissenschaftlern hatten darin eine düstere Zukunft für unseren Planeten vorausgesagt – und wurden von einer Hundertschaft Wissenschaftler kritisiert. Diese warfen dem Weltklimarat vor, Daten zu seinen Gunsten – also in Richtung seiner eigenen weltanschaulichen Überzeugungen – frisiert zu haben. Die Macht benutzt immer die gleichen Methoden.

Verstehen Sie mich richtig: Die Fake-News, die im Internet grassieren, beunruhigen auch mich. Aber viel mehr sorge ich mich, wenn ich sehe, wie die Schweizer Bürokratie uns mit ungenügenden Auskünften und Halbwahrheiten abserviert. Leider nichts Neues unter der Sonne.