Alkohol hilft. Zumindest manchmal, wenn man Geld braucht. Richtig gelesen: wenn man Geld braucht.

Die Organisatoren des Protests gegen den G20-Gipfel, der im Juli in den Messehallen abgehalten wird, stehen politisch links. Menschen, die politisch links stehen, tendieren dazu, selten bis gar nicht auf große Mäzene oder Spenden zu setzen. Denn die meisten derjenigen, die viel spenden können, stehen nicht politisch links. Also müssen die Protestler andere Formen finden, an Geld zu kommen. Protest ist schließlich teuer, egal ob man politisch links oder rechts steht.

In Hamburg will nun eine Protestgruppe mit Alkohol die Finanzierung ihrer Kundgebungen bestreiten. Das geht so: Einige Bars auf St. Pauli, die bei der Aktion mitmachen, verkaufen Mexikaner (ein widerliches Kiez-Getränk aus Schnaps und Tomatensaft) und überweisen den Erlös auf ein Spendenkonto. Wenn die Leute auf dem Kiez genug trinken, könnten damit zwei Aktionskonferenzen, ein Aktionstag, eine Demonstration und "weitere hedonistische Aktionen um den Gipfel herum" finanziert werden. So hat es Protestanführer Johannes Meier in der taz erklärt.

Sprit für den Esprit der Revolte.

Man könnte sich über die Doppeldeutigkeit des Getränkenamens mokieren (Mexikaner gegen Trump, haha) und die Aktion als postpubertäres Gehabe abtun. Damit würde man ihr aber nicht gerecht. Denn die Beziehung von Alkohol und linkem Protest ist älter und standhafter als der rasch wieder verfliegende Schockmoment nach einem weggeschlürften Mexikaner.

Als sich die Arbeiterbewegungen Mitte des 19. Jahrhunderts formierten, trafen sie sich in Gaststätten. Sie tranken Bier und Schnaps und diskutierten über den Sozialismus. "Der besoffene Arbeiter macht keine Revolution, doch politische Aufstände wurden nicht selten in Kneipen vorbereitet", schreibt der Historiker Ralf Hoffrogge.

Ein aktuelles Beispiel ist das Cornern. Da stehen viele Menschen an einer Straßenecke, reden und trinken. Nicht jeder, der cornert, will damit protestieren. Aber das Cornern als Kulturform ist eine Auflehnung gegen eine angepasste und biedere Nutzung des öffentlichen Raums, eine Rückeroberung der Straße für die nicht organisierte Party, für die Enthemmung, den Rausch.

Der Rausch ist ein Zustand, den die G20-Aktivisten nicht nur deshalb feiern, weil sie ihn gerne selbst erleben. Im Rausch können sie die Grundlagen ihres politischen Gegenprogramms zum Gipfel entdecken.

Wer sich dem Rausch hingibt, weigert sich, der schnöden Gegenwart das letzte Wort zu lassen. Der Rausch ist die für den Moment gelebte Utopie, ein Kontrollverlust, den die Mächtigen fürchten. Während Staaten auf Kontrolle und Unterscheidung setzen (Bürger/Gefährder), verschwimmen im Rausch die Rollen und Profile des sozialen Akteurs.

In diesem Sinne kann der Rausch eine Form der Subversion darstellen. Wer sich alkoholisch angemessen entgrenzt, steht zum Bau von Mauern oder Zäunen nur bedingt zur Verfügung.

Rausch und strategisches Kalkül passen zusammen. Das wissen die Aktivisten aus eigener Erfahrung. Nach dem G8-Gipfel in Heiligendamm im Jahr 2007 bauten sie ihr Protestcamp ab. Die Pfandflaschen, die sich in den Tagen angesammelt hatten, wurden eingesammelt. Der Erlös: mehrere Tausend Euro.