Die Bestseller-Autorin Giulia Enders hat gerade ihr Praktisches Jahr als Ärztin im Krankenhaus absolviert und ihr Examen an der Universität bestanden, sie hat außerdem einen kleinen Neffen bekommen und ihr Buch "Darm mit Charme" um neue Texte ergänzt. Wenn das kein guter Zeitpunkt ist, um mit ihr einmal über das Thema Stress zu sprechen.

ZEIT Doctor: Dass Stress unangenehm ist, ist ja eigentlich schlimm genug. Sie sagen aber, dass er auch unhygienisch ist. Warum denn das?

Giulia Enders: Unser Verdauungstrakt ist gutmütig, er leiht dem Gehirn und dem Rest des Körpers Energie aus. Wenn uns ein Problem im Kopf stresst, fahren wir die Energie herunter, die wir sonst für die Verdauung benutzen: Der Magen wird weniger durchblutet, dadurch sind die Immunzellen weniger aktiv, und im Darm wird weniger Schutzschleim gebildet. Das ist für kurze Zeit okay, aber wenn es zum Dauerzustand wird, dann nutzen wir diese Gutmütigkeit aus.

ZEIT Doctor: Warum ist das ein Problem?

Enders: Es kann die Bakterien beeinflussen, die im Dick- und im Dünndarm ihr Zuhause haben. Die finden sich plötzlich in einer veränderten Umgebung wieder, in der es eben weniger Immunzellen und Schutzschleim gibt. Wir erzeugen eine Art anderes Wetter im Darm, und darauf reagieren unsere Bewohner. Dann vermehren sich bestimmte Bakterien, die besser damit klarkommen, wenn es weniger Schleim gibt, oder auch Bakterien, die sonst vom Immunsystem bekämpft würden. Tatsächlich sieht die Darmflora bei Menschen mit Langzeitstress oder Depressionen anders aus. Und wenn man davon ausgeht, dass sich da nicht gerade die besten Mikroben ausgebreitet haben, wäre das ein Grund zu sagen: Stress ist unhygienisch.

ZEIT Doctor: Was macht man dann aber, wenn man so viel um die Ohren hat wie Sie gerade?

Enders: Man kann nicht immer nur den Körper opfern, manchmal muss man es auch andersherum machen und ihm Opfer bringen. Ich achte in Stressphasen auch darauf, möglichst gut zu essen. Ich stelle mich sonntags in die Küche, koche vor und lege Gemüse ein, damit es fermentiert. Davon esse ich unter der Woche immer mal wieder ein paar Happen, und ich glaube, dass es mir guttut.

ZEIT Doctor: Fermentieren heißt im Prinzip einlegen und gären lassen. Essen Sie jetzt oft Sauerkraut?

Enders: Ja, aber man kann alle möglichen Gemüse fermentieren. Meine Uroma hat auch Karotten so haltbar gemacht. Beim Fermentieren verdauen die Bakterien schon mal vor. Dadurch können wir das Gemüse dann leichter verdauen. Die Bakterien produzieren außerdem hilfreiche Stoffe für unsere Schleimschicht.

ZEIT Doctor: Was hat es mit diesem Schleim auf sich?

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Enders: Wir sagen ja oft, dass jemand ein dickes Fell hat – und so ist das auch mit der Schleimschicht. Sie schützt uns vor allem Möglichen, was Mikroben im Darm so herstellen. Oder auch wenn man schlecht gekaut hat und der Darmoberfläche raue Frühstücksflocken zumutet. Die obersten Zellen des Darmes werden so vor zu hartem Material geschützt. Spannend fand ich, zu lernen, dass die Hälfte dieser Schleimschicht von uns selber gemacht wird und die andere Hälfte von hilfreichen Mikroben. Das muss man sich so vorstellen: Man zieht sich einen Mantel an, weil es draußen kalt ist, und sobald man vor die Tür geht, kommen ganz viele Täubchen und setzen sich vorsichtig auf einen drauf, um einen noch zusätzlich zu wärmen. Dass die Bakterien das für uns machen, finde ich nett.

ZEIT Doctor: Woraus wird dieser Schleim hergestellt?

Enders: Aus Kohlenhydraten – Schleim besteht in der Regel aus Kohlenhydraten. Auch beim Pudding, das Gelartige daran sind Kohlenhydrate, die Wasser binden.