Ein Hotel in Bissingen, einem kleinen Dorf in der niedersächsischen Wedemark, später Vormittag. Das angeschlossene Restaurant öffnet erst am Abend, aber die Hotelleitung hat einen Raum hergerichtet. Heinz Rudolf Kunze ist hier Stammgast. Der Musiker, der im Nachbarort wohnt, kommt mit seinem Wagen. Allein. Es gab eine Zeit in seinem Leben, da wäre das unvorstellbar gewesen. Kunze litt jahrelang unter schweren Panikattacken. Bis heute unternimmt er keine längeren Reisen allein. Er sagt, er habe intensiv darüber nachgedacht, ob es eine gute Idee sei, sich auf ein Interview zu diesem Thema einzulassen.

ZEIT Doctor: Fällt es Ihnen schwer, über Ihre Panikattacken zu reden?

Heinz Rudolf Kunze: Ja, auch wenn die letzte fast zwei Jahrzehnte her ist. Ich bin nicht immer in der Verfassung, meinen Schutzschild zu senken und andere dahinterschauen zu lassen. Es war eine sehr schwierige Zeit in meinem Leben, eine beklemmende Erfahrung. Ich versuche, das Thema in Frieden ruhen zu lassen. Ich fürchte, dass die Panik wiederkommt, wenn ich darüber rede. Die Angst ist nie für immer gebannt.

ZEIT Doctor: Erinnern Sie sich an Ihre erste Panikattacke?

Kunze: Natürlich. Es ging 1988 los, kurz bevor meine erste Frau, unsere Kinder und ich von Osnabrück hierherzogen. Meine Frau war einkaufen. Ich war allein zu Hause. Mit einem Mal bekam ich Schweißausbrüche und Herzrasen. Mich überfiel die Angst, einen Herzinfarkt zu haben, allein und ohne die Möglichkeit, Hilfe zu rufen. Obwohl wir in einem Reihenhaus wohnten, Nachbarn rechts und links. Aber in meiner Wahrnehmung war das alles nicht mehr da. Ich stand am Küchenfenster, und die Welt wurde schwarz, bis auf einen kleinen Streifen vorm Fenster. Ich bekam keine Luft mehr, musste mich am Fensterbrett festhalten. Die Panik legte sich erst, als meine Frau zurückkam.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

ZEIT Doctor: Wie hat sie auf Ihren Zustand reagiert?

Kunze: Sie hat es nicht ernst genommen. Ihre Reaktion war eher: Stell dich nicht so an, reiß dich zusammen. Das hat es für mich nicht gerade einfacher gemacht.

ZEIT Doctor: Was haben Sie nach dieser Attacke unternommen?

Kunze: Mein Vater hatte zu diesem Zeitpunkt schon zwei Herzinfarkte hinter sich, am dritten ist er dann später verstorben. Als Hypochonder, der ich bin, habe ich mich in einer Spezialklinik durchchecken lassen, große Herzkatheter-Untersuchung. Der Arzt sagte, das sei aus medizinischer Sicht unnötig, die Voruntersuchungen würde dafür keinerlei Anlass bieten. Aber ich wollte es genau wissen! Wie zu erwarten, wurde nichts festgestellt, mein Herz war völlig in Ordnung. Zuerst war ich erleichtert. Deshalb habe ich auch erst mal nichts weiter unternommen. Wir Menschen haben ein kurzes Schmerzgedächtnis. Kaum sind wir wieder auf dem Damm, machen wir weiter, als sei nichts gewesen.

ZEIT Doctor: Und wie lange ging das gut?

Kunze: Ein paar Wochen später kam die nächste Attacke. Sobald meine Frau zum Einkaufen fuhr, stand ich bewegungslos am Küchenfenster, hab mich an der Spüle festgekrallt, mit Herzrasen, Schweißausbrüchen und Schwindel. Ich konnte nichts tun, gar nichts. Erst als ihr Auto in die Einfahrt fuhr, konnte ich mich wieder bewegen. Es war die Hölle!

ZEIT Doctor: Wo haben Sie Hilfe gefunden?

Kunze: Als sich die Anfälle häuften, empfahl mein Hausarzt mir eine Psychotherapie. Er und der Herzspezialist, der mich untersucht hatte, haben mich und mein Leiden ernst genommen. Sie haben mir klargemacht, dass sie mir nicht helfen können, da es sich um ein geistig-seelisches Leiden handeln musste, mein Herz war ja gesund.

ZEIT Doctor: Hat die Psychotherapie Ihnen geholfen?

Kunze: Zunächst nicht. Der erste Therapeut war ein Phlegmatiker, der mit Kieselsteinen spielen wollte. Ich sollte mit Kieseln meine Ängste benennen. Das war mir zu blöd. Dann bin ich zu einem anderen Therapeuten gegangen. Mit dem arteten die Gespräche aber immer zu einem intellektuellen Schlagabtausch aus. Das hat mich eine Stange Geld gekostet, aber gebessert hat sich nichts. Schließlich kam mein Arzt auf die Idee, dass es vielleicht mit den Männern keinen Zweck hat bei mir, und hat mich zu einer Therapeutin im Nachbarort geschickt. Da war ich zwei Jahre, und in der Zeit wurde es besser.

ZEIT Doctor: Wie hat die Therapeutin Ihnen geholfen?

Kunze: Vor allem dadurch, dass sie sich zurückgenommen hat, sie hat zugehört, mir Zeit und Raum gegeben, nur hin und wieder Zwischenfragen gestellt. Ich kann nicht genau sagen, wie, aber diese Therapeutin mit ihrer ruhigen Art hat es geschafft, mich von meinen Ängsten abzukoppeln. Doch ich denke, der Geist hockt immer noch in der Flasche, bereit auszubrechen. Deshalb achte ich darauf, dass der Korken auf der Flasche bleibt!