Liebe Frau Müller,

wissen Sie, ich habe diese Angewohnheit: Ich sammle Sätze. Ich habe beim Lesen immer einen Stift in der Hand und unterstreiche jeden Satz, den ich mag. Erichkästnersätze zum Beispiel oder Heinzstrunksätze, aber vor allem: Hertamüllersätze. Keine Ahnung, wie oft ich Atemschaukel  gelesen habe. Achtmal? Oft jedenfalls. Ich kann ganze Absätze auswendig.

Ein Kapitel, Vom Hungerengel, habe ich vom ersten bis zum letzten Wort unterstrichen, dazu alle anderen Sätze im Buch, die ich großartig finde. Dann habe ich das Buch verschenkt. Das war das persönlichste Geschenk, das ich je gemacht habe.

Es gibt ein Video von Ihnen auf YouTube, da stehen Sie in Ihrer Wohnung, und überall liegen diese Textschnipsel herum. Alles ist ein großes, liebenswertes Wörterchaos.

Aus diesem Chaos machen Sie Collagen, und ich habe ewig versucht, eine dieser Collagen zu kaufen, und zwar ein Original. Ich habe auf Auktionen gesucht, auf eBay, und ich habe Ihren Verlag gefragt. Hat nicht geklappt, und ich habe mich irgendwann damit abgefunden.

Dann hat meine Freundin über fünf Ecken Ihre Adresse herausgefunden und Ihnen einen Brief geschrieben: wie gern ihr Freund so eine Collage hätte und dass sie ihm die gern schenken würde und ob Sie ihr nicht eine verkaufen könnten.

Ihr Mann hat geantwortet: dass Herta sich sehr über meine Wertschätzung freue, aber sich leider niemals von den Collagen trennt. Das fand ich so toll, dass ich jetzt gar keine Collage mehr haben will. Die Collagen sollen ruhig bei Ihnen bleiben und Sie bei den Collagen.

Als Ersatz hat meine Freundin mir den Kunstdruck von einer Ihrer Collagen besorgt. Sie ist extra nach Lübeck gefahren, zu einer Ihrer Lesungen, den Druck im Gepäck, und Sie haben den unterschrieben, ganz klein, unten rechts in der Ecke. Ich weiß nicht, ob es das persönlichste Geschenk ist, das meine Freundin je gemacht hat, aber mir ging das wirklich mitten ins Herz.

Den Satz lese ich jeden Tag: "Schon der Koffer hat es für sich und ohne mich geahnt das andre Land hängt zweimal am Schuh weit wie der Weg und nah wie die Zeit".

Jedes Mal lese ich etwas anderes darin, und jedes Mal macht es mich froh.

Danke.

Ihr Ruben Rehage

Ruben Rehage, 27, ist Reporter im Hauptstadtbüro des "Stern"