Was meinen Sie, liebe Kollegen?

In dieser Rubrik bleiben die Gesprächspartner anonym. Dieses Mal diskutierten: Ein Chefarzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde aus Hessen, eine Musiktherapeutin und ein Professor für Psychosomatik aus Bayern

Es geht ums Hören an diesem Mittag in einem Konferenzraum der ZEIT in Hamburg. Drei Fachleute aus verschiedenen Disziplinen sind zusammengekommen, um über Hörsturz und Tinnitus zu sprechen. Zwei Diagnosen, die etliche Menschen plagen und die eines gemeinsam haben: Viele Therapieangebote sind der reinste Unsinn. Darum soll es heute gehen. In den folgenden Stunden fallen Wörter wie "Abzocke" und "Schweinerei". Manchmal wird es laut, und das Stimmengewirr ist schwer zu verstehen, unsere Gäste diskutieren kontrovers – mitunter reden alle drei gleichzeitig.

ZEIT Doctor: Wer etwas über Hörsturz liest, bekommt es leicht mit der Angst. Die Schauspielerin Hannelore Hoger sagte: "Ich hatte einen kleinen Hörsturz. Nachts plötzlich starker Schwindel, ein Rauschen im Ohr. Ich bin sofort ins Krankenhaus. Es ist glimpflich ausgegangen." Beim SPD-Politiker Matthias Platzeck berichteten die Medien vor Jahren: "Nach Hörsturz: SPD-Chef Platzeck tritt zurück." Ist der Hörsturz ein bedrohliches Leiden?

HNO-Arzt: Wenn plötzlich ein Ohr nicht mehr funktioniert, erlebt man das schon als dramatisch. Man hat das Gefühl: Ich bin abgekoppelt, alles ist dumpf, alles klingt fürchterlich verzerrt, grauenhaft.

Musiktherapeutin: Und wenn man dann denkt, das bleibt jetzt so, kriegt man große Angst.

ZEIT Doctor: Vor ein paar Jahren kam man mit einem Hörsturz sogar noch für ein, zwei Wochen ins Krankenhaus.

HNO-Arzt: Das ist heute anders, wir sehen einen Hörsturz nicht mehr als Notfall, sondern als Eilfall, bei dem man getrost ein, zwei Tage warten kann – und erst wenn es dann nicht besser ist, zum HNO-Arzt gehen sollte. Das gilt besonders bei Problemen im Tieftonbereich, die sind häufig und gehen oft von selbst wieder weg. Ins Krankenhaus muss man damit gar nicht.

ZEIT Doctor: Wie kam dieser Wandel in der Medizin zustande?

Psychosomatiker: Man hat erkannt, dass es wurscht ist, ob einer in der Klinik im Bett liegt oder daheim die Beine ausstreckt. Da wollten die Kassen das eben nicht mehr bezahlen. Und für den Patienten ist das eher gut: Im Krankenhaus liegt er zwischen lauter schädeloperierten Patienten, da denkt er natürlich, ich bin wirklich schwer krank.

HNO-Arzt: Viele Leute glauben auch immer noch, der Hörsturz komme dauernd wieder. Das stimmt aber nicht. Ein Hörsturz ist meist eine einmalige Sache. Die Rezidivrate liegt bei unter drei Prozent.

Musiktherapeutin: Ich habe aber immer wieder Patienten, die sagen, sie hätten mindestens fünfmal einen Hörsturz gehabt. Die sind völlig verzweifelt.

HNO-Arzt: Das ist dann wahrscheinlich kein wirklicher Hörsturz. Die zweite Ursache für einen plötzlichen Hörverlust können Endolymphschwankungen sein. Da staut sich die Lymphflüssigkeit im Innenohr, in der Regel dort, wo die tiefen Töne gehört werden. Das hat meist mit Stress tun.