Kranke Klein- und Vorschulkinder können Eltern zur Verzweiflung treiben. Wenn die Kleinen sich matt fühlen und fiebern, husten und schniefen, brauchen sie viel Zuwendung. Und im Winter holen sie sich mitunter einen Infekt nach dem anderen. Berufstätige scheuen sich, alle Nase lang deswegen freizunehmen. Wenn dann auch keine Großeltern einspringen können, bleibt häufig nur ein Ausweg: krank in die Kita.

Die Folgen sind im Winter in Krippen und Kindergärten zu sehen. Nicht selten ist mehr als die Hälfte der Kleinen malade: Sie husten schwer, sind blass, haben Gliederschmerzen und keinen Appetit. Wenn die Betreuer die angeschlagenen Kinder abholen lassen, werden die mitunter am folgenden Tag wieder gebracht – angeblich gesund. Manche Eltern berichten offen, sie hätten morgens Medikamente gegen Fieber, Schmerzen oder Durchfall verabreicht.

Dass sich so das Personal, andere Kinder und deren Familien anstecken, wird achselzuckend in Kauf genommen – Infektionen im Kindesalter gelten als harmlos und unvermeidbar. Und selbst erfahrene Kinderärzte verbreiten das Gerücht, das Immunsystem müsste frühzeitig "trainieren", um später gegen Krankheiten gefeit zu sein.

Tatsächlich jedoch sind Infektionen bei Kleinkindern nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Hinter jedem Fieber mit Husten oder Halsschmerzen kann eine echte Grippe stecken, an der in Deutschland jährlich etwa 8.000 Menschen sterben – bei ihrer Verbreitung wirken Kindertagesstätten wie Brandbeschleuniger. Fieber und Halsschmerzen treten auch bei Streptokokken-Angina auf, die unbehandelt Herz und Nieren schädigen kann. Erbrechen und Durchfall werden bei Kleinkindern oft durch Rota- oder Noroviren ausgelöst, die hochansteckend sind und explosionsartige Ausbrüche verursachen.

Auch wenn manche Ärzte das Leid der Familien schönreden: Für das vermeintliche Training des Immunsystems gibt es keine wissenschaftliche Grundlage. Zwar haben Kinder, die vor ihrem dritten Geburtstag eine Krippe besuchten, im ersten Schuljahr etwa 20 Prozent weniger Erkältungen als Daheimgebliebene. Dafür machen sie im ersten Kita-Jahr doppelt so viele Infektionen durch. In der Bilanz der ersten acht Lebensjahre vermindert der Besuch einer Kindertagesstätte die Zahl der Krankheitstage nicht. Übrigens haben auch Tropenbewohner ein gutes Immunsystem, obwohl sie in ihrer Kindheit vom angeblich abhärtenden Dauerfeuer der Erkältungsviren verschont blieben.

Bevor die Immunabwehr mit etwa vier Jahren ausgereift ist, können Infektionskrankheiten sogar besonders gefährlich werden. In diesem Alter verlaufen Atemwegsinfektionen schwerer und ziehen häufiger Mittelohr- und Lungenentzündungen nach sich. Zudem führt der gleichzeitige Befall durch mehrere Viren und Bakterien, der in Kitas mit vielen kranken Kindern häufig ist, öfter zu Komplikationen und Krankenhauseinweisungen. Und so ist auch der Antibiotikaverbrauch bei Kita-Kindern höher.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Der Beschuss mit Erregern beugt auch nicht der Entstehung von Asthma vor, wie immer wieder zu hören ist. Zwar entwickeln Menschen, die auf dem Land aufgewachsen sind, seltener Asthma und andere Allergien. Doch das liegt am intensiven Kontakt mit harmlosen Bakterien aus der ländlichen Umgebung. Virusinfektionen der Atemwege dagegen bewirken in den ersten Lebensjahren wahrscheinlich eine Übersensibilisierung, die später in Asthma übergehen kann. Belegt ist dieser Zusammenhang bislang für das Respiratorische Synzytial-Virus und das Metapneumovirus, die beide in Kitas grassieren.

Deshalb gehören Kinder mit Fieber, starkem Husten, Halsweh, Ausschlag oder Durchfall nicht in die Kita. Nach Abklingen der Symptome sollten sie noch einen, nach Durchfall zwei Tage zu Hause bleiben. Damit sich das umsetzen ließe, müssten die Gesundheitsämter entsprechende Empfehlungen herausgeben und die Kitas diese dann in ihre Verträge aufnehmen. Gesetzlich versicherten Eltern stehen pro Kind jährlich 20 freie Tage zu, um es zu betreuen, wenn es krank wird. Wenn die Kita-Seuchen nicht mehr verharmlost würden, müssten sich Berufstätige auch nicht mehr dafür schämen, dass sie für ihren kranken Nachwuchs da sein wollen.