Petra Bahr ist Landessuperintendentin für den Sprengel Hannover. In ihrer Kolumne geht sie der großen Politik im Alltag auf den Grund. © Kulturrat der EKD

Was haben Norbert Lammert und Wolfgang Thierse gemeinsam? Gerne werden sie für Protestanten gehalten. Dabei sind beide engagierte Katholiken. Liegt es am Auftreten oder am Bart, dass der eine gerne mal als ostdeutscher Pastor vorgestellt wird? Ist die Eloquenz, verbunden mit moralischer Präzision, ein Zeichen für die Konfession?

Vielleicht sind von den harten konfessionellen Unterschieden nur noch Stilfragen und Klischees übrig geblieben, religiöse Modeoberflächen, nachdem das Abendmahlsverständnis selbst unter Theologiestudenten keine Debatte mehr entfacht. "Du bist so was von evangelisch." Grauer Rollkragen? Wasser statt Rotwein? Moral statt Liturgie? Eine sanfte Stichelei mit einem Wahrheitskern? Oder noch besser: Pastorenkind? Vielleicht sind die konfessionellen Prägungen der Kindheit, vielleicht sind das Rosenkranzgebet der Großtante und die Bach-Obsession des Opas prägender als das, was vom Reli-Unterricht übrig geblieben ist.

Doch die Schmerzen, die Evangelische und Katholische sich im Alltag zugefügt haben, der Spott, die konfessionellen No-go-Areas in den deutschen Kleinstädten, die Schikanen auf dem Schulweg, die familiären und kirchlichen Sanktionen bei Verliebten, die sich an diese Trennung nicht hielten, all das ist noch nicht lange vorbei. Man muss nicht die Konfessionskriege oder den Kulturkampf bemühen, die religiös aufgeladenen Machtkonflikte der europäischen Geschichte, die mühsamen Kompromisse der Gremienökumene.

Es reicht in der Regel ein Blick in die Familiengeschichte. Wer mit einem katholischen Freund nach Hause kam, konnte sich auf was gefasst machen. "So jemand kommt mir nicht ins Haus." Es ist gerade zwei Generationen her, dass der Kampf um die Gemeinschaftsschule das Land erhitzte. Können evangelische und katholische Kinder zusammen lernen? Kaum zu glauben, dass darüber so gestritten wurde. Jetzt sind viele froh, wenn es noch ein paar Christenkinder gibt, die sich zusammentun können.

Doch im Generationengedächtnis sind diese Kränkungen eingebrannt. Der mühsame Dispens vom Bischof. Keine gemeinsame Eucharistie für die Familie. Wenn nun die beiden höchsten Vertreter der beiden großen Kirchen zusammen einen Gottesdienst feiern, der "healing of memories" heißt, dann mag das nur eine Geste sein. Es ist aber eine starke Geste, die daran erinnert, wie sehr Christen sich das Leben schwer gemacht haben. Ordentliche theologische Dispute wurden durch eine Art alltäglicher Konfessionsstichelei ersetzt, das wechselseitige Befremden eher gepflegt als die wechselseitige Unkenntnis überwunden. Am Ende bleibt eine Art abgeschliffener Gebrauchsökumene selbstverständlicher Kirchlichkeit, ein erschöpfter Friede, nachdem der Grund für die Differenzen nicht ausgeräumt, sondern nur vergessen ist. Doch der Schmerz ist geblieben.