Auf den ersten Blick wirkt der Vorschlag fast wie eine sozialistische Idee: 20.000 über 50-jährige Langzeitarbeitslose sollen in Gemeinden, bei gemeinnützigen Trägern und Unternehmen einen Job bekommen – bezahlt vom Staat. Bereits im Juli wird die Beschäftigungsaktion 20.000 der Bundesregierung starten, 200 Millionen Euro soll sie in den nächsten zwei Jahren kosten und Menschen berufliche Perspektiven geben, die sonst keine mehr haben. Ein riesiges Projekt der Regierung – aber auch ein sinnvolles?

"Das bisherige System des Arbeitsmarktes hat für viele Menschen versagt", sagt Karl Immervoll, Betriebsseelsorger im Waldviertel. Seit drei Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Langzeitarbeitslosen, berät sie, organisiert Gruppentreffen und vermittelt Jobs. Immer mehr Menschen suchen den Weg zu ihm nach Heidenreichstein. "Die Gruppe derer, die keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt haben, wird größer", sagt Immervoll.

Ein Blick in die Statistik zeigt, dass Immervolls Beobachtung aus dem Waldviertel auf ganz Österreich zutrifft: Im Jahr 1988 waren knapp 18 000 Menschen über 50 ohne Job, heute sind es fast 100.000. Auch in relativen Zahlen stieg die Arbeitslosigkeit in der Altersgruppe: von fünf auf knapp zehn Prozent. Denn die Gesamtzahl der Älteren steigt rasant: Knapp eine Million unselbstständig Beschäftigte gibt es in der Gruppe der vor 1966 Geborenen, Tendenz steigend. Die Babyboomer werden alt und stellen den Arbeitsmarkt auf die Probe. Wer braucht die Alten noch, und wer will sie beschäftigen?

Resignation und Apathie sind psychische Folgen langer Arbeitslosigkeit

Arbeitslosigkeit stigmatisiert, in einer Leistungsgesellschaft ist sie oft gleichgesetzt mit Nutzlosigkeit. Karl Immervoll sagt, manche seiner Klienten hätten sich aufgegeben und in eine innere Emigration zurückgezogen. Er kann viele Geschichten erzählen, über alte Frauen und Männer, die etwas beitragen möchten, aber keine Chance dazu bekommen und sich zusehends als Belastung für die Gesellschaft empfinden. "Gerade für jene, die immer gearbeitet haben, ist diese Situation schwer zu verkraften", sagt Immervoll.

Die Auswirkungen langfristiger Arbeitslosigkeit sind kein neues Phänomen. Bereits in den 1930er Jahren beschrieb die bahnbrechende Studie Die Arbeitslosen in Marienthal die Effekte auf die psychische Gesundheit. Resignation, Apathie und der Rückzug auf den engen Familienkreis seien die Folge, schrieben die Autoren um Maria Jahoda, die Gemeinschaft werde müde.

Es gibt kein neues Marienthal, doch viele Befunde gelten bis heute. "Das gesetzliche Pensionsantrittsalter wurde angehoben, zugleich gelten Leute in Betrieben immer früher als zu alt", sagt Jörg Flecker, Soziologe an der Universität Wien. Wer aus dem Arbeitsmarkt rausfällt, für den sei es fast unmöglich, wieder hineinzukommen. "Das sieht man an der Erwerbslücke zwischen letzter Anstellung und Pension, die wird immer größer."

Warnsignale gibt es schon lange. Mitte der neunziger Jahre erschien die Studie Alter als Arbeitsmarktproblem des Ludwig Boltzmann Instituts. Ein Jahrzehnt später griff die Wiener Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt das Thema auf. In der Untersuchung ... da kräht kein Hahn nach Ihnen wurden Biografien älterer Arbeitsloser beschrieben. Klar wurde: Nicht nur gering Qualifizierte sind betroffen. Auch Akademiker, die höhere Managementpositionen bekleidet hatten, seien teils jahrelang arbeitslos – mit wenig Chancen, je wieder eine Anstellung zu finden. Es brauche einen "gesellschaftlich-politischen Kraftakt" sowie Überlegungen jenseits des regulären Arbeitsmarktes, ist in der Studie zu lesen.

Große Maßnahmen blieben trotzdem aus. Die Zahl der Arbeitslosen über 50 hat sich seit damals noch einmal mehr als verdoppelt.

"Es gibt eine Gruppe, bei der trotz intensiver Bemühungen eine Arbeitsmarktintegration nicht gelingt", sagt Johannes Kopf, Vorstand des Arbeitsmarktservices (AMS): ältere Leute, die es "ohnehin schwer haben, oft in Kombination mit langer Arbeitslosigkeit oder gesundheitlichen Einschränkungen". Seit Langem werde über einen auf Dauer finanzierten zweiten Arbeitsmarkt diskutiert. Jetzt gebe es einen ernsten Versuch. "Das ist klotzen, nicht kleckern", sagt Kopf.