DIE ZEIT: Maren Ade, war das Chaos um die Verkündung des falschen Oscar-Siegers eigentlich ein Toni Erdmann-Moment?

Maren Ade: Das war so irre. Es war das Verrückteste, Krasseste, was ich je auf einer Preisverleihung erlebt habe. Die Fassungslosigkeit der Leute. Die Panne im dramaturgisch richtigen Augenblick bei der letzten Oscar-Kategorie. Zu erleben, wie die amerikanische Perfektion zusammenstürzt. Es wäre vielleicht übertrieben, von einer Lektion zu sprechen, aber dieser Oscar-Moment hat viel bedeutet. Auf einmal wirkte es so, als ob da jeder gewinnen, hochgehen und eine Rede halten könnte. Und dann dieser unfassbare Augenblick, als die Leute von Moonlight auf die Bühne kamen: Vorher waren da oben alle weiß. Dann fast alle schwarz. Und ich muss ehrlich sagen, ich habe als Academy-Mitglied auch für Moonlight gestimmt, ich hab mich wirklich wahnsinnig gefreut für diesen Film.

ZEIT: Wie erlebt man so einen Oscar-Abend?

Ade: An so einem Tag ist man in etwa dreimal betrunken und dann wieder nüchtern. Unser Team war erst auf der Verleihung und dann auf dem Governors Ball, der offiziellen Party der Academy. Da geht man aus der Verleihung raus und kommt plötzlich in ein kaufhausartiges Gebäude mit Rolltreppen. Die fährt man hoch, und dann ist da die Party. Es gibt leckeres Essen, es spielt sich viel an Bars und in Raucherecken ab. Danach sind wir auf unsere eigene Viewing-Party gegangen und später weiter in das Hotel Chateau Marmont gezogen und haben da einfach noch abgehangen. Vielleicht sind wir auch ohne Oscars nicht auf die richtigen Partys gekommen. Die Leute sagen dann Sachen wie: "Also wenn du zu der Party von Madonna willst, in ihrem Privathaus, dann geht das nur mit Oscar." Das hätte ich schon interessant gefunden. Wir hätten vielleicht Asghar Farhadi fragen sollen, ob er uns seinen Oscar für die Madonna-Party leiht.

Letztlich will keiner die Konkurrenz.
Maren Ade

ZEIT: Schon im Vorfeld hatte der Iraner Asghar Farhadi seine Anreise wegen der zwischenzeitlich verschärften Einreisebedingungen aus Solidarität abgesagt. Seitdem galt sein Film The Salesman als Favorit für den Oscar des besten nicht englischsprachigen Films. Davor galt Toni Erdmann als Favorit.

Ade: Also, ganz ehrlich: Ich weiß nicht, ob Asghar Farhadi nicht sowieso gewonnen hätte, obwohl wir im Vorfeld von der Branche auch viel Zuspruch hatten. Ich wehre mich nur dagegen, zu denken, das sei alles nur eine Protestwahl gewesen. Farhadi ist ein großartiger Filmemacher, und selbst wenn man sagen würde – was ich gar nicht glaube –, dass The Salesman den Oscar aus politischen Gründen bekam, ist es doch ein wichtiges Zeichen.

ZEIT: Vor der Verleihung haben Sie gemeinsam mit Ihren Co-Nominierten eine Erklärung verfasst, in der Sie den Oscar des nicht englischsprachigen Films – unabhängig vom Gewinner – allen Künstlern, Aktivisten und Journalisten widmen, die für Meinungsfreiheit, für die menschliche Würde eintreten. Wollten Sie sich nicht gegeneinander ausspielen lassen?

Ade: Es gab im Vorfeld der Oscars einige Treffen, die von der Academy organisiert wurden. Zum Beispiel eine Veranstaltung, bei der jeder die Urkunde für die Nominierung erhält und einen persönlichen Laudator bekommt. Bei Asghar Farhadi war das Matt Damon, bei mir Denis Villeneuve, bei einem anderen Laura Dern. Das findet in eher privatem Rahmen statt. Es gab zudem eine Podiumsdiskussion und das traditionelle Essen unseres Verleihers Sony, bei dem nur die Regisseure eingeladen sind. Da entsteht dann schon ein Gemeinschaftsgefühl. Bei all diesen Veranstaltungen hatte ich das Gefühl, dass letztlich keiner die Konkurrenz will. Ich habe mich ja nun ein halbes Jahr auf den gleichen Gleisen bewegt wie die anderen Regisseure, die für den nicht englischsprachigen Film nominiert sind. Wahrscheinlich haben auch Damien Chazelle und Barry Jenkins, deren Filme La La Land und Moonlight um den Haupt-Oscar konkurrierten, viel Zeit miteinander verbracht. Das Ding ist doch: Jeder Regisseur braucht andere Regisseure, die auch Filme machen – ohne die gegenseitige Inspiration geht es nicht. Klar, bei der Zeremonie geht es um die Sieger, aber im Vorfeld war es schön, zu sehen, wie schnell sich der Gedanke eines kulturellen Wettbewerbes verliert.

ZEIT: Ist es nicht ein wenig ermüdend, dass von den Oscars seit ein paar Jahren erwartet wird, dass sie automatisch zu einer politischen oder politisierten Veranstaltung werden?

Ade: Ich glaube, viele Preisträger fühlen sich unter Druck, und dann wird es reflexhaft. Das Politische muss ja auch gelebt werden. Es ist einfach etwas anderes, wenn Ken Loach eine Rede hält und die Leute, die vor dem Fernseher sitzen, wirklich anspricht und wenn er noch dazu den entsprechenden Film gemacht hat. Ken Loach hat sein Leben lang das Politische gelebt, daher kann er das ganz anders rüberbringen. Und wenn man nicht der Typ dazu ist, dann ist es auch okay, wenn man es nicht macht und einfach nur den Preis entgegennimmt.