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Wenn Marine Le Pen französische Präsidentin werden sollte, wäre das für alle, die sich ein offenes und funktionierendes Europa wünschen, eine Katastrophe. Allerdings eine Katastrophe mit Ansage. Der Termin für die zweite und entscheidende Runde der Präsidentschaftswahl, der 7. Mai, steht seit vielen Monaten fest. Seit vielen Monaten können die Regierenden in Berlin und Brüssel verfolgen, wie die Vorsitzende des Front National ihrem Ziel, dem Élysée, Schritt für Schritt näher kommt.

Die Frage liegt also nahe: Was werden Merkel und ihre Kollegen tun, wenn der aus ihrer Sicht schlimmste Fall eintritt? Welche Pläne gibt es für den Tag danach?

Wer sich in diesen Tagen umhört in Berliner Ministerien und auf Brüsseler Fluren, in Wirtschafts- und Regierungskreisen, macht erstaunliche Erfahrungen. Die Angst geht mit jedem durch den Tag. Ob Minister oder Diplomaten, Banker oder EU-Kommissare – sie hoffen und bangen, sie verdrängen und ringen die Hände. Nur eines tun sie ganz offensichtlich nicht: Sie bereiten sich nicht vor.

Was wäre, wenn Marine Le Pen gewönne?

"Wir vertrauen auf die Vernunft der Franzosen", antwortet ein EU-Kommissar in Brüssel, streng vertraulich natürlich. Mit Namen möchte gerade niemand genannt werden. Jede öffentliche Äußerung, so die Befürchtung, könnte am Ende Le Pen nützen.

Und wenn es anders kommt, wenn die Wut der Franzosen größer ist als ihre Vernunft?

"Davon gehen wir nicht aus."

Aber wäre es nicht angemessen, mit dem Schlimmsten zu rechnen?

"Nein, nein ..." Der Kommissar verstummt.

Der Übergang zwischen nüchterner Analyse und frommem Wunsch ist fließend

Auch in Berlin klammern sich viele an die Hoffnung, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Gewiss, ein Wahlsieg von Le Pen, das wäre "die europäische Atombombe", räumt ein ranghoher deutscher Diplomat ein. Aber nein, schiebt er schnell hinterher, so weit werde es nicht kommen: "Das ist unmöglich." Warum? Weil das Wählerreservoir des Front National zu gering sei. Weil Le Pen bei landesweiten Wahlen bislang nie mehr als 6,8 Millionen Stimmen bekommen habe; wahlberechtigt sind aber rund 45 Millionen Franzosen. Weil die Gegnerschaft zu groß sei und Le Pen, selbst wenn sie im ersten Wahlgang vorne landen würde, in der Stichwahl keine Chance hätte. Weil, weil, weil. Es sind viele Gründe, die – "bei nüchterner Analyse" – gegen einen Wahlsieg Le Pens sprechen. Der Berliner Diplomat reiht sie wie Perlen auf eine Gebetskette. Aber der Übergang zwischen nüchterner Analyse und frommem Wunsch ist fließend.

Dabei müssten die Verantwortlichen es eigentlich besser wissen. Auch vor dem britischen Referendum und der Wahl in den USA hatten sie versucht, sich zu beruhigen. Auch damals hieß es, die Vernunft, die Geschichte und die Wahlarithmetik stünden gegen Trump und den Brexit. Und der Wahlkampf ist für Le Pen bislang ganz gut gelaufen. Ihre Konkurrenten schwächeln und schwächen sich selbst; die Umfrageinstitute sehen die Nationalistin im ersten Wahlgang stabil auf dem ersten Platz.

Im vergangenen Sommer, angesichts des drohenden Brexits, gab es im Auswärtigen Amt zumindest eine Art Notfallplan. Kaum hatten die Briten abgestimmt, rief Frank-Walter Steinmeier, damals Außenminister, seine Kollegen aus den anderen Gründungsländern der EU in der Villa Borsig in Berlin zusammen. Gemeinsam erklärten die Minister aus Frankreich, Italien, Deutschland und den Beneluxstaaten, die Europäische Union jetzt erst recht stärken zu wollen. Das Treffen war eine selbstbewusste Demonstration, viel Symbolik, aber immerhin. Monatelang hatte eine Arbeitsgruppe im Auswärtigen Amt diesen Tag vorbereitet, und zwar gemeinsam mit ihren Kollegen aus dem französischen Außenministerium. Auch Angela Merkel hatte damals noch in der Nacht mit François Hollande telefoniert.

Wen würde sie diesmal anrufen? Und mit wem sollten sich die Diplomaten abstimmen? In Paris gäbe es keinen Partner mehr. Außer der AfD hat bislang keine Partei Kontakte zum Front National.