Marine Le Pen hat keinen Zweifel an ihren Zielen gelassen. "Es ist Zeit, Schluss mit der EU zu machen!", hat sie erst vor wenigen Tagen wiederholt. Vertraute von ihr betonen, das wichtigste Projekt in den ersten Monaten ihrer Präsidentschaft sei der Austritt aus dem Euro. Wer Le Pen wählt, weiß also, wofür er stimmt. Trotzdem würde sie für derart weitreichende Entscheidungen die Unterstützung des Parlaments benötigen (es sei denn, sie würde ein Notstandsregime errichten). Die Parlamentswahl findet im Juni statt. Würde Le Pen Präsidentin, könnten die Franzosen also rund einen Monat später ihre Entscheidung korrigieren oder zumindest abfedern. Außerdem hat Le Pen Referenden in Aussicht gestellt, in denen die Franzosen über den Austritt aus dem Euro und der EU abstimmen würden.

Le Pen könnte also gar nicht umsetzen, was sie angekündigt hat, jedenfalls nicht schnell – das ist der zweite Hoffnungsstrang, an den sich derzeit viele in Berlin und Brüssel klammern. Selbst wenn die FN-Chefin gewinne, sei damit noch nichts entschieden, sei die Zukunft der EU und des Euro noch keineswegs besiegelt. Für einen Notfallplan, so geht das Argument weiter, sei es daher noch zu früh. Eine hohe Berliner Regierungsbeamtin wagt einen kühnen Vergleich: "Eine Präsidentin Le Pen ist wie ein gefesselter Löwe. Sie kann laut brüllen, aber nicht wirklich schaden."

Wirklich nicht? Die Unruhe an den Finanzmärkten jedenfalls wächst, je näher der Wahltag rückt. Der Handel mit französischen Staatsanleihen hatte sich zwischenzeitlich verdoppelt, ein Indiz dafür, dass das Land zunehmend finanziell unter Druck gerät. Doch auch in der Finanzwelt mag sich niemand vorstellen, dass es tatsächlich zum Äußersten kommt und Frankreich aus dem Euro ausscheidet. Wenn Le Pen als Präsidentin ohne Mehrheit im Parlament regieren sollte, käme es nach Einschätzung führender Notenbanker zwar zu einem kurzen Beben an den Finanzmärkten. Das würde sich aber durch zusätzliches Geld der Europäischen Zentralbank (EZB) leicht beruhigen lassen. Spezielle Notfallpläne brauche es daher nicht, heißt es in Frankfurt.

Abgesandte des Front National haben sich in den vergangenen Wochen in Paris, Brüssel und Straßburg mit Analysten der großen Investmenthäuser – darunter der amerikanische Vermögensverwalter Blackrock – getroffen, um für ihre Pläne zu werben. Ein hochrangiger Investmentbanker sagt, ihn hätten die Zusammenkünfte an Begegnungen mit dem früheren griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis erinnert. Der hatte ebenfalls ein radikales Programm, konnte am Ende aber nichts davon durchsetzen.

Auch in der Bundesregierung beschwört man in diesen Tagen die Erfahrungen mit Griechenland. Dort war vor zwei Jahren eine Regierung gewählt worden, die sich ihren Kurs gegen die herrschende Euro-Politik in einer Volksabstimmung bestätigen ließ. Aber als die Bürger eine Ahnung davon bekamen, was der Ausstieg aus der Währungsunion konkret bedeuten würde, war es mit der Begeisterung für die Drachme schnell vorbei. Eine ähnliche Ernüchterung, so die Hoffnung, könnte auch den Franzosen bevorstehen.

Der französische Beitrag zur europäischen Wirtschaftsleistung ist allerdings vielfach größer als der der Griechen. Und gegen die politische Urgewalt von Marine Le Pen wirkt der griechische Premier Alexis Tsipras wie ein harmloser Jüngling.

Neben der Hoffnung und der Verdrängung gibt es daher noch eine dritte Antwort auf die Frage, warum sich offensichtlich niemand ernsthaft auf den Fall des Falles vorbereitet. Es ist die ehrlichste und zugleich die verstörendste Antwort. Ein möglicher Wahlsieg Le Pens, heißt es, sei zu ungeheuerlich, zu gewaltig, um sich überhaupt damit zu befassen. Die Folgen des Brexits seien irgendwie noch fassbar und darum planbar gewesen, die eines "Frexits" hingegen nicht. Würde Le Pen ihre Ankündigung wahr machen und Frankreich aus dem Euro und der EU führen, wäre das das Ende der Europäischen Union und der gemeinsamen Währung. Auch die Idee, Europa könne sich als liberales Gegengewicht zum grassierenden Nationalismus und Autoritarismus positionieren, wäre dann passé. "Das ist", sagt ein hoher Regierungsvertreter in Berlin, "als müsste man unsere gesamte Welt neu erfinden. Das wäre zu viel verlangt."

Nach einem "Frexit" würde Frankreich wahrscheinlich sofort für bankrott erklärt

Dramatisch wären auch die Folgen für das europäische Finanzsystem. Frankreich würde mit großer Wahrscheinlichkeit sofort für bankrott erklärt, weil die hoch verschuldete Regierung ihre Gläubiger nicht mehr wie versprochen in Euro auszahlen könnte, sondern auf frisch gedruckte französische Franc zurückgreifen müsste. Damit würden die Gläubiger um ihren Einsatz gebracht, denn das neue Geld würde nach allgemeiner Erwartung schnell an Wert verlieren. Den französischen Banken drohte der Zusammenbruch, weil die Franzosen versuchen würden, kurz vor der Währungsumstellung ihre Sparkonten zu leeren. Viele französische Unternehmen wären ebenfalls zahlungsunfähig, es drohten Massenpleiten und ein tiefer Absturz der Wirtschaft, der – so die Einschätzung in EZB-Kreisen – sehr schnell auf andere Länder übergreifen würde. "Ein solches Ereignis lässt sich nicht mehr kontrollieren", sagt ein Notenbanker.

Die Bundesregierung würde versuchen, die Währungsunion fortzusetzen – mit so vielen Staaten wie möglich. Sie wäre auch bereit, sich das etwas kosten zu lassen. Falls Italien, Spanien und Portugal dennoch nicht mehr zu halten sein sollten – etwa weil der Druck der Finanzmärkte zu groß wäre –, bliebe womöglich eine Art Nordeuro übrig. Das ist zwar auch kein Plan, aber es wäre ein Versuch, den Schaden zu begrenzen. Möglicherweise würde die EU sogar noch eine Weile weiterwanken, ohne Frankreich und Großbritannien, ein Gerippe mit einem großen, sehr einsamen Deutschland.

Es gebe in der Politik unknown unknowns, unbekannte Unbekannte, hat der frühere US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld einmal gesagt. Er meinte Ereignisse, die man nicht vorhersehen und daher auch nicht planen kann. Wahlen gehören nicht dazu. Man kann sich auf ihren Ausgang einstellen. Man muss es sogar, auch wenn es schwerfällt.

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