Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

Als erstes meiner acht hat das jüngste Kind sein Studium geschmissen. Möglichst vorwurfsfrei frage ich sie nach Alternativen. "Ich will erst mal herausfinden, wer ich bin und was ich eigentlich will", ist die Antwort. – "Das geht nur tätig, nicht theoretisch. Und nur in sozialen Resonanzräumen." – "Ich jobbe, hab meine WG, meinen Freund, meine Geschwister … Wo sind denn deine Resonanzräume, Vater? Du sagst selbst, was du schreibst, ist in den Wind gerufen." – "Geflüstert." – "Woher nimmst du eigentlich deine Selbstachtung?"

– "Tja. Was hatte jeder Satz von Martin Luther für eine Wucht, wenn er von der Kanzel kam, wenn seine Studenten ihn mitnahmen, wenn er gedruckt von Hand zu Hand ging. Die Publizistik hat sich inzwischen selbst abgeschafft in einem brüllenden Stimmengewirr, aus dem hier und da noch ein paar vernehmbare Sätze auftauchen. Mein Resonanzraum liegt eher im Privaten, ich freu mich über gute Gespräche mit euch Kindern."

– "Du definierst dich immer noch über deine Kinder. Und genau das geht für meine Generation nicht mehr. Wir wissen alle, dass es so nicht weitergehen kann. Wir können nicht einfach einen Beruf erlernen, Kinder in die Welt setzen, ein Haus bauen und drauflosleben, in euren Fußstapfen. Wir brauchen kein nivellierendes Stimmengewirr, sondern ein paar gültige Gewissheiten. Die brauchte Luther damals auch, um seinen Weg zu gehen. Wenn wir das ernst nehmen, was wir wissen, dann sind wir in ganz neuer Weise für die Zukunft zuständig. Wir, ich, müssen halt etwas länger nachdenken, bevor wir in all diesen wunderbaren Pflichten festhängen mit Kind und Kegel. Marx sagte, die Welt sei zu viel interpretiert und zu wenig verändert worden. Für uns gilt die Umkehrung, wir sind wieder mit Interpretieren dran, bevor wir die Welt mit einem ganz normalen Alltag irreversibel zerstören."

– "Das klingt alles sehr unpraktisch. Man kann sich auch aus der Welt hinausphilosophieren, bis man gar nicht mehr handeln will. Jedes Handeln ist gewissermaßen naiv, wer alles vorher wissen will, was sein Handeln bewirkt, der ist unfähig zur Tat. Die Religionen ermöglichen unser Tätigsein, indem sie uns entlasten von diesen Hamletiaden. Vielleicht ist Gottvertrauen naiv, aber es gehört zum Leben von uns Menschen, die wir mit der Hybris geschlagen sind, die Herren der Welt zu sein, und es doch nicht können."

– "Du bist ja ein Fatalist, Vater. Genau das können wir uns nicht leisten. Wir können uns eure Ausreden nicht leisten, auch nicht das Stimmengewirr, aus dem sich jeder das heraushört, was ihm passt. Wir müssen so klar und deutlich sein, wie dein Luther es war: ja, ja; nein, nein, und was darüber ist, ist von Übel."