Das Rauschen des Meeres klingt überall gleich, würde man denken. Doch manchmal donnert es so laut, dass alles andere im Dröhnen ertrinkt – um dann schlagartig wieder in die Stille zu kippen. Zum Beispiel wenn man seinen ersten Kuss am Strand erlebt. Ein Kuss steht im Zentrum von Moonlight. Und ein großer Verrat. Es ist ein Film, der einen sprachlos zurücklässt. Ein Film ohne Zentrum, ein wuchernder Film, ein alltäglicher Film und doch groß und intensiv wie ein tropisches Gewitter. Es ist die Geschichte eines schweigsamen Jungen, Chiron, der in einem armen Stadtteil von Miami aufwächst, mit einer langsam in der Drogensucht versinkenden Mutter (Naomie Harris). Man folgt Chiron in drei Kapiteln beim Heranwachsen, Moonlight ist also ein filmisches Triptychon, getrennt durch vergehende Jahre und lange Schwarzblenden. Im ersten Teil ist Chiron noch ein kleiner, schüchterner Junge, genannt Little (Alex Hibbert), der von anderen Jungs verprügelt wird. Juan, der größte Drogendealer der Gegend, nimmt ihn unter seine Fittiche. Juan (gespielt von Mahershala Ali, der den Oscar für den besten Nebendarsteller gewann) und seine Freundin (Janelle Monáe) werden für Chiron zu einer Oase. Im nächsten Teil, als ungelenker Teenager (Ashton Sanders), verliebt er sich zum ersten Mal, in einen Schulkameraden. Als Black (Trevante Rhodes) kehrt der immer noch schweigsame, mittlerweile hünenhafte Mann nach langer Abwesenheit nach Miami zurück. Sein zarter Kern ist nun mit einer schützenden Schicht Muskulatur umhüllt.

Mit Moonlight hat wirklich der beste Film den Oscar für den besten Film gewonnen. In einem Jahr, in dem so viele hervorragende Produktionen nominiert waren, hat dieser Außenseiter, diese Geschichte aus einem sonst im Hollywoodbetrieb komplett marginalisierten Milieu, aufgrund seiner Stärke als Film gewonnen. Wenn auch mit einem in der Geschichte Hollywoods einzigartigen Lapsus: Warren Beatty und Faye Dunaway sollten den besten Film verkünden – hatten aber den falschen Zettel im Umschlag. Sie erklärten das Musical La La Land zum Sieger. War es ein Freudscher Versprecher des Systems? Ein letztes Sichaufbäumen der "alten" Academy?

Der Regisseur Barry Jenkins hat aus dem Theaterstück In Moonlight Black Boys Look Blue von Tarell Alvin McCraney ein Porträt einer Seelenlandschaft gemacht, ein Bild, gezeichnet aus versteinerten Gesichtern und blassem Neonlicht. Der Film ist in einer Ästhetik gehalten, die changiert zwischen Dokumentarfilm und Musikvideo. Die Luftfeuchtigkeit Miamis drückt von der Leinwand in den Kinosaal, die Farben sind in manchen Szenen wiederum so satt, als hätten sie sich mit tropischer Schwüle vollgesogen. Es ist eine Ästhetik der Subjektivität. Hier stehen die Gefühle und Erfahrungen des Einzelnen im Vordergrund: Mit wenigen Strichen zeichnen Jenkins und seine großartigen Schauspieler ein Bild innerer und äußerer Verletzungen und Erniedrigungen. Wenn Little seine Ersatzvaterfigur Juan fragt: "Nimmt meine Mutter Drogen?", und: "Verkaufst du Drogen?", sieht man, wie Juans Herz bricht. Jenkins gelingt es, diesen Moment zu erzählen, ohne den Kitsch auch nur zu berühren.

Moonlight hat viele solcher Momente, die sich im Kopf festsetzen. Etwa die freien, poetischen Assoziationen und Überhöhungen. Es sind bildliche Fortführungen einer Stimmung, einer Atmosphäre, eines Gedankens, der sich nur auf diese Weise vermitteln lässt. Vielleicht sind sie auch Ausdruck einer kurz ins Bewusstsein schießenden und sofort wieder verdrängten Sehnsucht: so wie die immer wiederkehrenden Bilder des Meeres. Die Wellen werden zum Sinnbild eines schwulen Begehrens, das in Chirons Leben noch keinen Raum bekommt.

Moonlight ist schließlich auch das Porträt einer spezifischen Art von Männlichkeit, einer verhärteten schwarzen amerikanischen Männlichkeit, die Jenkins und McCraney aus ihrer eigenen Jugend kennen, aus demselben Quartier, das die Kulisse für Moonlight bietet. Man merkt dem Film an, dass hier jemand von sich selbst spricht, nicht als Opfer, sondern weil er einfach die Empfindungswelt seiner Kindheit und Jugend erzählen will. Es ist ein Film, gemacht von schwarzen Amerikanern, über schwarze Amerikaner. Keine einzige weiße Figur tritt in einer Sprechrolle auf.

Allerdings: Welche Kategorien der Identität lassen sich von anderen darstellen, welche müssen authentisch sein? Und weshalb? Was ist überhaupt authentisch? "Der Zweck der Kunst ist es, die Fragen freizulegen, die von den Antworten verdeckt werden", hat der amerikanische Schriftsteller und Essayist James Baldwin einmal geschrieben. Er war übrigens auch schwarz und schwul, was so untrennbar mit seinem Werk verbunden ist, wie dieses universell ist. So wie Moonlight heute.