Die Diagnose Multiple Sklerose (MS) ist für jeden Betroffenen niederschmetternd. Bei dieser chronischen Erkrankung greift das körpereigene Abwehrsystem die Hüllschicht der Nerven in Gehirn und Rückenmark an und verursacht Entzündungen und bleibende Nervenschäden. Die häufigste Form von MS verläuft in wiederkehrenden Schüben, zwischen denen die Erkrankten sich oft weitgehend erholen.

Ein besonders schweres Schicksal aber haben Patienten mit einer primär progredienten MS, einer selteneren und aggressiven Verlaufsform: Dabei werden Symptome wie Lähmungen, Sehstörungen oder Missempfindungen kontinuierlich schlimmer. Anders als für die schubförmige MS gab es kein Medikament, das die Beschwerden deutlich mildern kann – bis jetzt.

Ocrelizumab, eine Variante des Rheuma- und Krebsmedikaments Rituximab, hat nun als erster Wirkstoff die primär progrediente Form der MS signifikant verlangsamt und steht kurz vor der Zulassung. Wegen der vielversprechenden Studienergebnisse befindet er sich in den USA im beschleunigten Zulassungsverfahren. In Deutschland sollen Ende März erste ausgewählte Patienten das Medikament erhalten.

Ocrelizumab ist ein maßgeschneiderter Antikörper. Er dockt speziell an B-Lymphozyten an, einer Untergruppe der weißen Blutkörperchen, und zwar nur an solche, die das Protein CD20 auf ihrer Oberfläche tragen. Die Markierung mit dem Antikörper führt dazu, dass die B-Lymphozyten gezielt zerstört werden, ohne dass andere Körperzellen zu Schaden kommen. Forscher vermuten, dass CD20-positive B-Lymphozyten bei MS-Patienten wesentlich zur Schädigung der Hüllschicht und der darunterliegenden Nerven beitragen.

Ein Durchbruch also in der Therapie der Multiplen Sklerose? Zumindest legt eine gerade im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie das nahe. Darin wurde Ocrelizumab an mehr als 700 Probanden mit primär progredienter MS getestet. Der Antikörper war wirksamer als ein Scheinmedikament, das die Kontrollgruppe erhielt: Nach 120 Wochen war die Behinderung durch MS in der Kontrollgruppe bei 39,3 Prozent der Patienten weiter vorangeschritten, in der Ocrelizumab-Gruppe waren es nur 32,9 Prozent. Besonders bemerkenswert: In der Hirnbildgebung verringerte sich das Ausmaß der erkennbaren Nervenschäden unter der Therapie mit dem Antikörper, während es unter der Scheinbehandlung weiter zunahm.

Christoph Heesen, Leiter der MS-Ambulanz des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, findet das Ergebnis der Studie beachtlich. Er warnt aber davor, allzu große Hoffnungen zu schüren: Erstens profitierten statistisch nur 6 von 100 Probanden in der Studie von dem Antikörper. Vor allem aber hätten an der Untersuchung Patienten teilgenommen, deren primär progressive MS im Schnitt erst drei Jahre zuvor diagnostiziert wurde und bei denen die Entzündung sehr aktiv gewesen sei. "Nach dieser Erfolgsmeldung werden nun auch Patienten ihren Arzt nach Ocrelizumab fragen, die schon seit mehr als zehn Jahren an einer primär progredienten MS mit einer geringen Entzündungsaktivität leiden", sagt Heesen. "Bei ihnen wird das Medikament wahrscheinlich aber nicht wirken."

Dafür spricht eine frühere Studie mit Rituximab, dem Antikörper, von dem Ocrelizumab abgeleitet wurde: Im Jahr 2009 hatte dieses verwandte Medikament insgesamt keinen Effekt für Patienten mit primär progressiver MS gezeigt – an der Untersuchung hatten mehr Probanden als in der aktuellen Studie teilgenommen, sie waren zudem schon länger erkrankt und zeigten einen weniger aggressiven Krankheitsverlauf. Eine Subgruppenanalyse ergab aber, dass jüngere Patienten mit hoher Entzündungsaktivität von Rituximab profitierten. Dieser Effekt konnte mit Ocrelizumab nun bestätigt werden. Eine gute Nachricht – freuen kann sich aber leider nur ein Teil der Patienten.