Haben wir schon hinreichend über den Nacktmull nachgedacht? Das weitgehend haarlose, sonderbar faltige und nahezu blinde, unterirdisch in den Halbwüsten Ostafrikas lebende Tierchen mit den eindrucksvollen Raffzähnen ist überwiegend für seine rührende Hässlichkeit bekannt. Viel bekannter sollte es aber für seine Lebensweise sein, die dem vollendeten Matriarchat nahekommt. Feministinnen, bitte stillgestanden und etwas mehr Respekt! Der Nacktmull ist das einzige Säugetier, das wie Bienen oder Wespen einen Staat bildet mit einer Königin an der Spitze. Die Königin allein ist fortpflanzungsberechtigt und extrem aggressiv. Sie duldet nur einen kleinen Harem von männlichen Liebhabern um sich herum und beißt alle anderen weg, auch die Weibchen und ihre eigenen Töchter.

Der Stress, den die Nacktmullkönigin erzeugt, ist so krass, dass ihre Untertanen biologisch gar nicht zur Fortpflanzungsfähigkeit reifen. Sie bleiben allesamt Zofen und Diener. Unter Hintanstellung eigener Bedürfnisse kümmern sie sich ausschließlich um die reibungslose Haushaltsführung. Die einen putzen die Höhle, die anderen sorgen fürs Essen, die Dritten erziehen die Kinder, und die Vierten vertreiben ungebetene Gäste. Die Biologie spricht in diesem Zusammenhang von "Eusozialität", was so viel wie gute Gesellschaftlichkeit bedeutet und dem Idealstaat des Philosophen Platon ziemlich nahekommt. Feste Aufgaben, feste Kasten, feste Privilegien – und kein Streit. Wenn irgendwo der Traum von der guten Gesellschaft ohne Patriarchat erfüllt wurde, dann bei den Nacktmull*innen.

Allerdings auch ohne Demokratie, ohne Regierungswechsel und ohne Marktwettbewerb, das kann man bedauern. Andererseits hat die männliche Konkurrenzgesellschaft in anderen Säugetierrudeln, die für Regimewechsel sorgt, die bekannten Nachteile in Form von ritueller Gewalt und ständiger Rangordnungsunruhe. Deshalb ist früher, als man die afrikanischen Kleinnager noch nicht kannte, auch gelegentlich der Bienenstaat den Menschen als politische Alternative empfohlen worden. Aber Bienen sind nun einmal, sosehr Friedfertigkeit und Organisationsgrad beeindrucken, doch etwas sehr Fernes, man kann sich in Hautflügler so recht nicht hineindenken. Säugetiere sind etwas anderes, sie sind uns genetisch näher. Die Nacktmullkönigin ist auch keine bewegungslose Eierproduktionsmaschine wie die Bienenkönigin, sie gebiert lebende Kinder, sie säugt, sie steht auch manchmal auf und streift jähzornig durch die Höhle, mögliche Auflehnung im Keim zu unterdrücken.

Die politisch-moralische Frage, vor die uns der Nacktmullstaat stellt, lautet: Sollten oder müssten wir das Herrschaftsprinzip nachahmen, um zum Matriarchat der seligen Urzeit zurückzugelangen? Dass wir es könnten, steht außer Frage. Die Nacktmullkönigin ist das Urbild der bösen Mutter, wie sie wohl jeder aus irgendeiner Familie kennt, in der Söhne und Töchter gnadenlos unterdrückt und niemals in die Selbstständigkeit, schon gar nicht in eigene Elternschaft entlassen werden. Das Matriarchat ist also machbar, aber wie hoch darf der Preis für das Niederhalten der Männer sein?

Denn das hat die Nacktmullkönigin wohl erkannt, dass der Weg zur weiblichen Souveränität nur über den Ausschluss anderer Frauen von der Fortpflanzung führt – damit diese nicht Söhne gebären, die von ihnen in blindem Mutterstolz verwöhnt und verpäppelt und zu den Usurpatoren von morgen herangezogen werden, die der Frauenherrschaft ein Ende machen. Das Geheimnis der Nacktmulle ist die Einsicht in die politische Sprengkraft mütterlicher Sohnesliebe.