Abdul glaubte, in einem wohlgeordneten Haus zu leben. Gewiss, es gab Spannungen. Wie sollte das auch anders sein in Schilderswijk, wo auf 150 Hektar knapp über 32.000 Menschen aus fast hundert Nationen zusammenleben?

Manchmal gab es Streit. Doch im Großen und Ganzen, meint Abdul, lebte man friedlich miteinander. Er selbst kam vor 30 Jahren aus Marokko hierher, fand Arbeit, betrieb eine Bäckerei, gab sie wieder ab, eröffnete ein kleines Restaurant namens Uniek im Zentrum des Den Haager Viertels Schilderswijk. Es ist blitzsauber im Uniek, hell und einladend. "Es ging sehr lange alles gut", sagt Abdul. Es gab Zusammenhalt. Er verschränkt die Finger beider Hände, um das Gemeinschaftsgefühl zu illustrieren. Doch heute, sagt er, sei alles anders. "Ein riesiger Stein ist durch unser Dach gefallen. Es ist kaputt." Das Haus, von dem Abdul spricht, das sind die Niederlande.

Am 15. März wählen die Niederländer ein neues Parlament. Die Partei für die Freiheit (PVV) von Geert Wilders liegt in Umfragen mit rund 20 Prozent gleichauf mit der Liberalen Partei des Premierministers Mark Rutte. Wilders will den Koran verbieten, Moscheen schließen, Marokkaner ausweisen, die Niederlande aus der EU führen. Wenn solche Vorschläge Zulauf bekommen, dann ist in den traditionellerweise toleranten Niederlanden etwas ins Rutschen geraten. Was aber genau? Und warum?

Die Morde an Pim Fortuyn und Theo van Gogh haben alles verändert

In Abduls Restaurant treffen sich marokkanische Migranten, um Tee zu trinken, eine Kleinigkeit zu essen und zu plaudern. Wie Abdul sind die meisten Männer vor vielen Jahren in die Niederlande gekommen. Damals gab es Arbeit genug, erzählen sie. Die Staatskasse war voll. Der Wohlfahrtsstaat funktionierte. Massive Migration war damals erwünscht. Die Einwanderer wurden ermutigt, ihre Kultur in den Niederlanden zu leben.

Den Niederländern gefiel das Bild, das sie sich von sich selbst gemacht hatten. In ihrem offenen, liberalen Land sollte jeder nach seiner Fasson glücklich werden können. Der Druck, sich an die Gesellschaft anzupassen, war gering. Für Zuwanderer, die des Niederländischen nicht mächtig waren, druckte man offizielle Dokumente in den jeweiligen Landessprachen. Wer in jenen Jahren von der Kriminalität junger Marokkaner sprach, von der fast dreimal so hohen Arbeitslosigkeit unter Zuwanderern, von mangelnder Bildung, von Homophobie oder patriarchalen Strukturen, der handelte sich den Vorwurf ein, ein Rassist zu sein. Abweichungen vom Selbstbild der toleranten Niederlande wurden nicht toleriert.

Um die Jahrtausendwende hatte es damit ein Ende. Den Attentaten vom 11. September 2001 folgte 2002 der Mord an dem Rotterdamer Politiker Pim Fortuyn, und 2004 wurde der Regisseur Theo van Gogh in Amsterdam ermordet. Es waren die ersten politischen Morde in den Niederlanden seit mehr als 400 Jahren. Die drei Ereignisse erschütterten das Fundament des niederländischen Selbstverständnisses, die Weltoffenheit.

Pim Fortuyn, der Publizist, der 2001 einen kometenhaften Aufstieg in der Politik erlebte, warnte vor der "Islamisierung" der Niederlande. Er bewegte sich nicht im Abstrakten, sondern sprach vom Alltag, von selbst Erlebtem. Das verstanden die Bürger. Fortuyn empörte sich darüber, dass er – der bekennende Homosexuelle – von muslimischen Jugendlichen als "Ungläubiger" und "Schwein" beschimpft wurde. Fortuyn benannte, was er zu verlieren fürchtete: seine Heimat.

Die Liberalität der Niederlande, ihre Offenheit und Toleranz wirkten plötzlich gefährlich. Fortuyn war ein Außenseiter, geliebt von seinen Wählern, verabscheut und gefürchtet von der politischen Elite des Landes. Heute ist vieles, was er sagte, Allgemeingut. Vor einigen Wochen veröffentlichte Premierminister Rutte einen Brief an alle Niederländer. Jenen, die sich nicht "normal" verhielten, legte er nahe, das Land zu verlassen.