An seinem 48. Geburtstag betritt Olaf O. in Handschellen den Saal B277 des Oberlandesgerichts München. Hinter einem Aktenordner versteckt er sein Gesicht vor den Kameras der Fotografen und Fernsehsender, vor den Journalisten und Zuschauern, die dicht gedrängt auf ihn warten, und vor seinem großen Bruder, dem Einzigen hier, der ihn schon kannte, als er noch Olli war. Olli, der Kfz-Mechaniker aus Bochum, der mit Ausländern gearbeitet hatte, ja befreundet war. Nicht Olaf O., Rechtsextremist und Mitglied der sinistren Vereinigung Oldschool Society, dem hier der Prozess gemacht wird.

Erst als die Kameras weg sind, nimmt O. den Ordner vom Gesicht und setzt sich zwischen seine beiden Verteidiger. Es ist der 27. April 2016, kurz nach zehn. Mit krummem Rücken kauert O. da, ein zierlicher Mann, Haare und Gesicht fahl und matt, wie von einem feinen Staubschleier überzogen. Auf dem Hals prangt ein Tattoo, ein altenglisches S, es steht für die Band Screwdriver, eine britische Neonazigruppe. Um O. herum sitzen die drei Mitangeklagten, ebenfalls Mitglieder der Oldschool Society. Während ein Bundesanwalt die Anklage verliest, starrt Olaf O. unbeteiligt in den Raum, als hätte er noch nicht verstanden, wo er hier gelandet ist. Bildung einer terroristischen Vereinigung, Mord und Totschlag, rechtsgerichtete Gesinnung, konkrete Vorbereitung eines Sprengstoffanschlags. Das sind die Vorwürfe. Olaf O. und seine drei Mitangeklagten stehen hier als Staatsfeinde vor Gericht.

Die Terrorgruppe findet sich im Internet und trifft sich in der realen Welt nur einmal

Als die Mitglieder der Oldschool Society im Mai 2015 festgenommen wurden, sprach Bundesinnenminister Thomas de Maizière von einem bedeutenden Ermittlungserfolg. Eine rechtsextreme Vereinigung nach dem Vorbild des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) sei verhindert worden, eine neue Terrortruppe von rechts konnte gerade noch gestoppt werden. Bei den Ermittlungen hatten die Sicherheitsbehörden mehrerer Bundesländer zusammengearbeitet und mehrere Verdächtige festgenommen. Der Erfolg war die Antwort auf die NSU-Morde. Die Ermittlungen sollten zeigen, dass Sicherheitsbehörden und Politik aus dem Versagen im Umgang mit deren Mordserie gelernt hatten. Aber treffen sie die Richtigen?

Es gibt zwei Geschichten, die erklären sollen, wie aus Olli, dem freundlichen Kfz-Mechaniker, Olaf O. wurde, das Mitglied einer terroristischen Vereinigung. Die erste Geschichte handelt von einem überzeugten Nazi, der aus Fremdenhass Asylbewerber und Muslime umbringen wollte. Sie wird in der Anklage der Bundesanwaltschaft erzählt. In der zweiten Geschichte geht es um einen unbescholtenen Mann, der mitten im Leben stand, abrutschte und schließlich in falsche Kreise geriet. Die beiden Geschichten scheinen von zwei verschiedenen Personen zu erzählen, doch sie gehören zusammen. Sie zeigen, wie schmal der Grat sein kann zwischen Gefährdung und Idiotie, zwischen Terrorismus und Schaumschlägerei.

Die Version der Anklage beginnt im Frühjahr 2014. Beim Chatten im Internet lernt Olaf O. Denise G. kennen, eine der Angeklagten. Sie schreiben einander – über private Dinge, über Politik, über Asylbewerber, man versteht sich. Ende August lädt die Frau ihren neuen Kontakt O. in eine WhatsApp-Gruppe ein mit dem Namen Oldschool Society. Im Chat tauschen sich Gleichgesinnte aus ganz Deutschland aus: Sie schimpfen über Asylbewerber und Muslime und entwickeln rechtsextreme Gewaltfantasien. Mehr als 50 Mitglieder hat die Chatgruppe. Sie bilden eine virtuelle "national befreite Gemeinschaft". Nur wenige kennen sich persönlich, Olaf O. hat die Chatpartner, mit denen er kommuniziert, noch nie gesehen.

Die vier Angeklagten bilden die selbst ernannte Führung der Gruppe, den Geheimrat. Laut Anklage radikalisieren sie sich im Herbst 2014 immer weiter. Bei einem ersten Treffen sprechen sie über den bewaffneten Kampf gegen Salafisten und Asylbewerber, die Herstellung von Sprengstoff und darüber, wer bereit wäre, ins Gefängnis zu gehen. Es bleibt die einzige Zusammenkunft von Olaf O. mit den anderen. In der Chatgruppe geht es danach immer häufiger um den Einsatz von Gewalt, um Waffen, um Brandanschläge.

Im Frühjahr 2015, kurz vor einem geplanten zweiten Treffen der Gruppe, kaufen die Mitangeklagten Markus W. und Denise G. Böller in Tschechien. Sie planen laut Anklage, Nägel daran zu befestigen und mit solchen Nagelbomben beim Gruppentreffen dann Anschläge auf Asylbewerberheime zu begehen. Nagelbomben sind seit dem NSU-Anschlag in der Kölner Keupstraße, der lange nicht aufgeklärt wurde, ein Reizwort für die Fahnder. Seit dem Herbst 2014 sind die Behörden durch verdeckte Ermittler in den Chats über die Aktivitäten der Oldschool Society im Bilde, schon früh steht die Gruppe unter Beobachtung, spätestens jetzt aber dürften deren Vorhaben ernst genommen worden sein. W. und G. schicken Fotos der Böller in die Chatgruppe, Olaf O. kommentiert: "Passen aber immer noch in einen Türkenarsch." Über das geplante Treffen schreibt er: "Ich bin dafür das wir den Freitag ein bzw. zwei Ziele ausmachen die wir uns vornehmen." Als mögliche Aktionen nennt er: "Asylantenheime, Antifaquartier oder Ölaugen umschuppen." Am 6. Mai 2015, zwei Tage vor dem geplanten Treffen, werden die vier Angeklagten festgenommen. Umsetzen können sie ihre Pläne nicht mehr.

Die Verlesung der Anklage im Gericht erstaunt viele Zuhörer. Die Schwere der Vorwürfe steht in auffälligem Widerspruch zu den angeklagten Gestalten: Da ist Andreas H., 58, mit Lesebrille und kleinem Bauch unter dem karierten Hemd, Maler und Lackierer, Waffensammler und Hitler-Fan. Da ist Markus W., 41, ein Hüne mit Glatze, Sicherheitsmann, ehemaliges NPD-Mitglied und früher Teil diverser Kameradschaften. Da ist Denise G., 24, das Gesicht voller Piercings, Mutter von zwei Kindern, die kichert wie ein Teenager, als die Anklage verlesen wird, und die Frage des Vorsitzenden Richters nach ihrem Beruf mit "Nüscht!" beantwortet. Und da ist Olaf O., der schmächtige Kfz-Mechaniker aus Bochum-Wattenscheid. Die Angeklagten wirken fast zu einfältig für Terroristen, sie scheinen zu harmlos für das Ausmaß der Vorwürfe. Kann es sein, dass die alten Vorstellungen von Rechtsextremisten nicht mehr gelten? Dass immer mehr Verlierer dieser Gesellschaft eine Gemeinsamkeit entdecken, ihren Hass auf Ausländer als gemeinsame innere Aufwertung?