Auch von Film hatte Simonian vor zweieinhalb Jahren noch keine Ahnung. In kürzester Zeit brachte sie sich die Grundlagen selbst bei: Kamerasysteme, Lichttechnik, Schnittprogramme. Sie entwickelte ein erstes Konzept, die Blackbox, in der sich Laien einzeln oder als Paar allein mit drei Kameras in einem schwarzen Kubus von ihrer Lust treiben lassen. Im Sommer 2014 stand Simonian in der Titelrolle des Vivaldi-Oratoriums Juditha Triumphans ein letztes Mal auf der Bühne. Nur wenige Kollegen im Opernbetrieb wussten, was sie plante. Eineinhalb Jahre später hatte sie genügend Filme beisammen, die Internetseite konnte online gehen.

Dort gibt es Clips zwischen sieben und 55 Minuten Länge zu Preisen zwischen 2,30 Euro und 9,90 Euro zu kaufen. Bei den Formaten Blackbox und bei Blind Date, wo zwei Unbekannte mit verbundenen Augen aufeinandertreffen, arbeitet Simonian mit Amateuren, Menschen aller Geschlechter und aller Körperformen. Vorhersagen lässt sich das Ergebnis bei so einem Dreh nicht. "Anfangs war es ziemlich schwer, die richtigen Leute zu finden, jetzt melden sich immer mehr bei mir", sagt Simonian. Zu exhibitionistisch veranlagt sollen die Darsteller nicht sein, Simonian will keine vermeintlichen Amateur-Homevideos in billigem YouPorn-Stil erzeugen. Es sind filmtechnische Experimente, Spiele mit Licht und Schatten, Körpertexturen und Bewegungen, das Ambiente reduziert, der Schnitt rhythmisch. Geschlechtsteile sind zu sehen oder auch nicht, es kann penetriert werden oder auch nicht, der Orgasmus ist kein obligatorisches Finale.

Ein wildes Leben, wie es das Klischee von jemandem im Erotikbusiness erwarten lässt, hat Adrineh Simonian noch nie geführt. Mit der Mutter und zwei älteren Geschwistern zog die in Teheran geborene Armenierin als Vierjährige nach Wien. Die gut situierte, bürgerlich-konservative Familie – der Vater war Großindustrieller im Ölgeschäft, die Mutter Laborantin im Krankenhaus – wollte, dass die Kinder eine europäische Ausbildung genießen. Mit dem Ausbruch der iranischen Revolution rechnete der Vater nicht, er verlor mit einem Schlag alles und schlug sich in Wien in typischen Gastarbeiterbranchen mit bescheidenem Einkommen durch. Die musikalisch talentierte Tochter studierte erst Geige und Klavier, dann ging sie an die Opernschule des Wiener Konservatoriums. Das Bühnendebüt gab Simonian im Jahr 2000 in einer Johann-Strauss-Operette an der Kammeroper, ein Jahr später begann sie an der Volksoper und sang in den nächsten 14 Jahren auch in Gastengagements von Kopenhagen bis Rom.

Heute arbeitet Simonian ziemlich viel am Küchentisch. Hier entwickelt sie neue Formate, hier bearbeitet sie das gedrehte Rohmaterial. Seit zwölf Jahren lebt sie mit ihrem Partner Wolfgang Koch in dieser Wohnung. Er ist ein bekannter Opernsänger, und darin sah Simonian auch das einzige Problem, mit Gesicht und Namen zur Marke im Sexgeschäft zu werden. "Aber er hat mich voll darin unterstützt, das ganze Risiko einzugehen."

Gerade beginnen die Dreharbeiten zu einem nächsten Projekt: Mit einem spielerisch gestalteten Videoblog will sie Aufklärungsarbeit betreiben. Erotische Filme zu verkaufen ist ihr zu wenig, mittlerweile sieht sie sich auf einer Mission. Von weiblicher Lust, glaubt sie, hätten Männer nach wie vor keine Ahnung. "Das Interesse ist aber da, das merkt man ja auch, weil 85 Prozent der Besucher auf unserer Seite Männer sind." Aufklärung fehle auch immer noch in Sachen Geschlechtskrankheiten, "da gibt es ja nicht nur HIV". Safer Sex ist ein Muss bei ihren Drehs, von den Darstellern verlangt sie vorab Tests zu allen sexuell übertragbaren Krankheiten.

Das ist dann auch schon das einzige Dogma, das die Pornografin ihren Darstellern vorgibt. Während Fem-Porn-Regisseurinnen wie Erika Lust oder Petra Joy vor allem die Geschlechterrollen im Porno umdrehen und oft rigoros verbieten, was im Mainstream-Porno zur klassischen weiblichen Demütigung wird, will Simonian das ausloten, was sie "Psychologie der Sexualität" nennt. Was passiert, ist die Entscheidung der Darsteller. "Wenn einer Frau gefällt, dass ihr Partner in ihr Gesicht ejakuliert, dann gehe ich sicher nicht dazwischen. Ich überlasse vieles dem Zufall."

Schön oder in herkömmlicher Weise "aufgeilend" ist das nicht unbedingt. Das soll es auch gar nicht sein. Ästhetik, sagt Simonian, werde oft falsch verstanden: "Etwas kann auch hässlich, hart oder ekelhaft sein und trotzdem ästhetisch."