Karamell kochen

Etwa einmal im Monat richte ich einen Stuhl mittig vor meinem Herd aus und setze mich. Ich stelle einen Topf auf den Herd und schütte Zucker hinein. Ich stütze mein Kinn mit den Händen ab, die Ellenbogen auf der Arbeitsplatte, und starre den Zucker so lange an, bis er schmilzt. Ich sitze und starre und stütze mein Kinn. Das mache ich ungefähr eine Viertelstunde lang.

Karamell darf man beim Kochen nicht stören, vor allem nicht umrühren, sonst wird die Masse trüb und klumpig. Und während ich auf den schmelzenden Zucker starre, zusehe, wie er Bläschen wirft und sich braun färbt, wirbelt Gedankenkonfetti in meinem Kopf herum, bunt und willkürlich.

Dass der junge Donald Trump aussah wie der amerikanische Schauspieler Owen Wilson und dass Owen Wilson gar nichts dafürkann. Dass es sehr lustig ist, Wackelaugen auf Alltagsgegenstände zu kleben, und dass man Usedom eigentlich "Uhsedomm" schreiben müsste.

Ich starre so lange, bis sich der Konfettiwirbel in meinem Kopf verlangsamt, bis er sich mit einem leisen Plopp auflöst und mein Kopf leer wird und auf der Innenseite weiß. Das ist der Moment, in dem das Karamell fertig ist. Karamell kochen dauert nämlich genau so lange, wie mein Kopf braucht, um sich zu entrümpeln. Ich könnte natürlich auch meditieren oder lernen, wie das mit dem Zen funktioniert. Doch dann müsste ich mir Karamellcreme ab sofort kaufen.

Putzvideos

Wenn sich gegen Ende der Woche in meiner Wohnung Haufen bilden, aus Wäsche, Papiermüll und benutztem Geschirr, getrennt gehäuft, versteht sich, dann fällt mir das zwar unangenehm auf, doch die Häufchen stören mich nicht genug, um sie tatsächlich zu beseitigen. Viel lieber schaue ich dann Leuten zu, die sich um ihre eigenen Berge kümmern, ich nenne sie meine Ersatzreiniger. Meist finde ich meine Ersatzreiniger auf Baumarktseiten im Internet, wo sie in kleinen Fenstern aufploppen und mit Verve Wasserkocher entkalken, Parkett abziehen oder Messing mit Zitronensaft und Salz polieren. Zum Beispiel Manuel. Manuel sprüht für einen Putzmittelhersteller fettverkrustete Herdplatten mit Reinigungsschaum ein, schrubbt ein bisschen und sagt dann Sachen wie "Das geht mir leicht von der Hand". Und er überzeugt mich. Ich glaube ihm, dass ihm das leichter von der Hand geht als mir. In einem anderen Video poliert Manuel Weingläser. Er macht das gründlich, streifenfrei und hingebungsvoll, und wenn ich danach auf meinen Geschirrberg schaue, denke ich: So toll wie Manuel kriege ich das eh nicht hin. Und deshalb ist es auch nicht meine Schuld, wenn das Geschirr schmutzig bleibt. Manuel ist schuld. Seine Ansprüche sind einfach zu hoch.

Durch die Finger pfeifen

Wie lässig es aussieht! Dieser Ausdruck roher Emotionen (beim Regionalderby), dieses höchste akzeptierte Maß an Entfesselung (bei der Theaterpremiere). Es verleiht dem Pfeifer eine sofortige und über allen Widerspruch erhabene Coolness, die ich sonst nur von James Dean kenne. Die will ich auch haben, deswegen trainiere ich regelmäßig. Ich habe mit meinem Großvater geübt, der kann das. Ich habe alleine mit Anleitungen aus dem Internet geübt und mit Freunden, die das zwar ebenso wenig können wie ich, aber auch lässig sein wollen. Und ich habe gelernt, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, zu pfeifen, laut meinem Großvater ist es für Anfänger wie mich mit insgesamt vier Fingern am einfachsten, bis man irgendwann, cool wie er selbst, mit dem kleinen Finger pfeifen kann, zum Bogen geformt.

Wer durch die Finger pfeift, pfeift ehrlich. Denn im Gegensatz zum Beifallklatschen kann man nicht halbherzig durch die Finger pfeifen. Man muss sich bekennen. Und das gilt nicht nur für diejenigen, die es können: Die meisten Fortbildungsmaßnahmen setzen aristokratische Ruhe voraus, Ulysses von James Joyce lesen zum Beispiel und Ulysses verstehen erst recht. Man sieht gut dabei aus. Doch wer durch die Finger pfeifen übt, der sabbert.