Ein Theaterabend von René Pollesch, das ist wie in einen reißenden Strom steigen, einen Strom aus Worten, von dem sich der eine mitreißen lässt und der andere so rasch überspült wird, dass er rettungslos untergeht. Ein Strom auch, der nie zu versiegen scheint, seit fast 20 Jahren. Das Ergebnis ist ein Endlostext, den Pollesch auf eine kaum zu überschauende Anzahl von Stücken verteilt hat, die nicht mehr um dramatische Figuren kreisen, weil diese Figuren keine Charaktere mehr sind, sondern lediglich Wortgefäße, für Wörter auch noch, von denen man nicht sagen kann, ob sie etwas bezeichnen oder nur um sich selbst kreisen: postdramatisches Theater für die künstlichen Subjekte der spätkapitalistischen Gesellschaft, die von Waren- und Informationsströmen durchkreuzt werden und nicht mehr wissen, wo oben und unten ist.

Überraschend ist ein Pollesch-Abend mittlerweile nicht mehr. Aber wie wenig überraschend auch diese Kritik ist, zeigt sich daran, dass Pollesch sie in sein Stück übernommen hat: Ich kann nicht mehr lautet der Titel. Das sollte man nicht bloß als Gegenwartsdiagnose nehmen, als das Echo des mittlerweile medialen Dauerbrenners, man bewege sich ganz allgemein am Rande des Nervenzusammenbruchs, Burn-out als Volkskrankheit, Gereiztheit als Grundstimmung und sofort. Das sollte man auch als Selbstbeschreibung nehmen. Pollesch kann nicht mehr. Also auch nicht mehr, als er bislang vollbracht hat. Er bringt auf die Bühne, was er kann, und nimmt zugleich der Kritik, die auf Originalität drängt, den Wind aus den Segeln: "Ja ja, immer nur neu, neu, neu. Warum nicht mal was Altes", sagt eins der Wortgefäße auf der Bühne.

Ja, warum etwas Neues? Ist das nicht auch nur kapitalistische Leistungsschau, in die Sphäre der Kultur getragen? Muss man jetzt auch das Theater gleich 30-mal neu erfinden, reicht es nicht, dies einmal zu tun?

Recycling und Wiederholung, das sind gute Strategien für den, der nicht mehr kann. Also kramt Pollesch eine Aufführung aus seinem Fundus hervor, mit der er 2010 im Schauspielhaus brillierte – Mädchen in Uniform –, die ihrerseits ziemlich nahtlos an sein Stück Ein Chor irrt sich gewaltig anknüpfte. Jetzt also wieder ein Chor, 17 Frauen in Militäruniformen und mit retroschicken revolutionsroten Halsbändern, die zum Auftakt in den Raum rufen: "Ich bin der Mann." Auch dieses Wort, "Mann", ist eben nur so ein Wort, von dem höchst unklar ist, was es bedeuten kann und soll.

Von Männern jedenfalls ist bei Pollesch nicht viel zu sehen. Wieder einmal treiben drei Frauen das Stück voran (wie bei Frau unter Einfluss, Drei hysterische Frauen oder Insourcing des Zuhause: Menschen in Scheiß-Hotels und wahrscheinlich noch 13 weiteren Stücken). Dass dennoch ein Schauspieler neben den Frauen auf der Bühne steht (Daniel Zillmann), der sich sprachlich allerdings nicht weiter von seinen Kolleginnen unterscheidet, scheint vor allem durch das Bühnenbild und eine dazugehörige Redewendung motiviert, den drei riesigen Küken, die der Altmeister Wilfried Minks entworfen hat. Küken, Hühner – und ein Hahn im Korb?

Die Küken sind jedenfalls grandios. Vielleicht sollte man sie als einen selbstreferentiellen Kommentar auffassen, im Sinne von: Das Stück hier ist noch nicht ganz ausgewachsen. Was bei Pollesch dank seiner Liebe zum work in progress oder besser noch zum uralten aus der Malerei bekannten Prinzip des Non-finito ja öfter der Fall ist. Wer nicht mehr kann, bricht die Arbeit halt ab oder erspart sich die Ausarbeitung.

Mit der Gegenwart liegt Pollesch meistens im Clinch. Diesmal werden viele Worte gemacht über die Unmöglichkeit, miteinander zu reden. "Weißt du", sagt die eine, "ich stehe vor dir und weiß, da gibt es nichts zu verstehen." Die Schauspielerinnen, Sachiko Hara und Bettina Stucky aus dem Hausensemble und Kathrin Angerer und Daniel Zillmann von der Volksbühne, machen das wunderbar: Mal lakonisch, mal zickig, mal genervt, mal nachdenklich, in sich gekehrt, mal sehr heiter, reden sie aneinander vorbei. Dabei schiebt sich Kathrin Angerer immer mehr in die Mitte des Stückes. Sie trägt als Einzige einen Namen, Gloria, nach einem Film von John Cassavetes, und bildet auch optisch, mit gerafftem Rock zitronenfalterhaft gekleidet, das größte Gegengewicht zum strengen Chor.

Von Gloria kommen dann auch die Worte, die, wenn nicht alles täuscht, von einer Hoffnung so zart wie Kükenflaum künden: "Ich brauche jemanden, um zu denken", sagt sie. "Aber auch nicht gleich ne ganze Masse. Nein, zwei oder drei oder vier." Das heißt: Weil der Chor für ein problematisches Kollektiv steht ("Er deckt alles zu") und weil das einzelne Subjekt in der gegenwärtigen Gesellschaft für Pollesch zum "Egotier" degeneriert, erscheinen die kleinen Kooperationen und Koproduktionen, erscheint das Zusammen von einigen wenigen als Ausweg. Und das Theater als Vorschein von etwas, das noch nicht ausgewachsen ist, oder so richtig retro gesagt: als moralische Anstalt.

Während der Aufführung lassen sich solche Bezüge natürlich nicht herstellen. Sie rauscht vorbei oder tritt, trotz vielem Hin-und-Her-Gerenne, auf der Stelle, vielleicht auch, weil mancher Witz dann doch dreimal zu oft wiederholt wird. Wenn man aber im Anschluss mit zwei, drei, vier Freunden eine Menge redet und nachdenkt und vielleicht ebenso viel trinkt, bis zum Punkt, wo man sich sagt: Ich kann nicht mehr!, dann, aber wirklich erst dann beschleicht einen das Gefühl, ein ganz und gar grandioses Stück gesehen zu haben.

Weitere Aufführungen im Schauspielhaus: 9. 3., 30. 3. und 16. 4. 2017