Stanat: Nehmen Sie das Fach Englisch. Hier hat sich der Unterricht verändert. Heute legen Lehrkräfte mehr Wert darauf, dass Schüler sich in der Fremdsprache tatsächlich ausdrücken können. Denn was nützt es, wenn sie zwar die Formen des past perfect beherrschen, sich aber nicht unterhalten können. Und tatsächlich hat sich das Lese- und Hörverstehen der Schüler über die Jahre deutlich verbessert.

Klein: Ich bezweifle, dass die besseren Englischkenntnisse Ergebnis der Kompetenzorientierung sind. Das dürfte andere Gründe haben, etwa dass das Englische eine größere Rolle im Alltag spielt oder dass mehr Schüler im Ausland waren.

Stanat: Und auf diesen Bedeutungszuwachs der kommunikativen Fähigkeiten hat der Unterricht reagiert. Das finde ich vorbildlich.

Klein: Da ist Englisch die Ausnahme. Klar ist, dass zum Beispiel die Mathekenntnisse der Schulabgänger über die Jahre schlechter geworden sind ...

Stanat: ... woher wissen Sie das?

Klein: Weil das meine Kollegen an der Uni seit Jahren beobachten, in allen Disziplinen, in denen man Mathematik braucht. Dort müssen Brückenkurse eingerichtet werden. Dennoch sind die Abbruchquoten erschreckend hoch. Für das Fach Chemie kann ich Ähnliches sagen. Bei meinen Biologiestudenten fehlt es einem beträchtlichen Teil an basalen Chemiekenntnissen. Wir müssen sie auch hier mit Vorkursen erst einmal studierfähig machen.

Stanat: War das früher wirklich anders? Die Abbruchquoten an den Universitäten sind in den meisten Fächern tatsächlich nicht kleiner geworden, aber auch nicht größer – obwohl der Anteil der Schüler, die ein Studium aufnehmen, gestiegen ist.

Klein: Sie bestreiten also, dass sich die Anforderungen heute im Abitur nivelliert haben?

Stanat: Nicht unbedingt, ich sehe dafür bislang nur keine Belege. Von einem Naturwissenschaftler wie Ihnen erwarte ich schon etwas systematischere Empirie, als sich einzelne Aufgaben anzusehen und damit auf das bundesdeutsche Abiturniveau zu schließen.

Klein: Ich war ja auch mal Lehrer. Hätte ich dem Ministerium damals eine heutige Abituraufgabe in Biologie aus Hamburg, NRW, Bremen oder Berlin vorgeschlagen, hätten die mich zum Amtsarzt geschickt. Mittlerweile haben wir achtzig Abituraufgaben im Fach Biologie auf ihr fachliches Niveau hin untersucht. Es war nicht einfach, die zu bekommen.

ZEIT: Inwiefern?

Klein: Anfangs haben sich alle Bundesländer gesträubt, sie herauszugeben. Es besteht wohl die Angst, dass wir herausfinden, dass das fachliche Niveau weit niedriger ist als früher. Eine Ausnahme war Mecklenburg-Vorpommern. Tatsächlich haben die Aufgaben dort einen hohen fachlichen Anspruch. Da muss man schon in der ersten Frage eine Zelle beschreiben und die Funktionen der Bestandteile erklären.

Stanat: Das ist für Sie eine gute Aufgabe?

Klein: Der Schüler muss zeigen, dass er das grundlegende Fachwissen beherrscht.

Stanat: Für mich wird da erst einmal auswendig gelerntes Wissen reproduziert.

Klein: Ich sage Ihnen etwas zum Auswendiglernen. Im Biologiestudium müssen die Bachelor-Studenten das gesamte Spektrum des Faches pauken.

Stanat: In der Schule soll man dann also am besten nur grundlegende Fakten pauken?

Klein: Natürlich nicht. Das Verstehen der Sache ist das zentrale Anliegen des Unterrichts.

Stanat: Und genau das ist ein zentrales Ziel der Kompetenzorientierung.

Klein: Aber nur theoretisch, in der Praxis heißt es dann: Fakten sind nicht mehr wichtig, Schüler sollen das Lernen lernen, Lehrer sind nur noch Coaches.

Stanat: Aber, Herr Klein, da sind wir uns doch völlig einig, dass das irrige Konzepte sind.

Klein: Na, das freut mich. Vielleicht können wir diese Einigkeit auch auf die Kompetenzorientierung an den Hochschulen übertragen. Schon jetzt heißt es in einem Gutachten dazu, dass sich auch die Hochschulen von einer umfassenden Vermittlung des Stoffes verabschieden müssen.

Stanat: Was heißt denn für Sie umfassend? Wissensvermittlung – vor allem in der Schule – war doch immer schon exemplarisch. Nicht nur weil es unmöglich ist, den gesamten Wissensbestand eines Faches zu vermitteln, auch weil es sich immer weiterentwickelt.

Klein: Aber Grundlegendes ändert sich so schnell nicht, und genau daran hapert es. Es gibt zurzeit ja eine Diskussion über die Noteninflation. Immer mehr Abiturienten schließen die Schule mit einem Einser-Abitur ab. Diese Abiturienten bereiten uns keine Sorgen. Die Problemfälle sind diejenigen, die mit einem Dreier-Schnitt an die Uni kommen und früher durchs Abitur gerauscht wären.