Wäre die AfD an der Macht, dann bekämen Deutschlands Familien in diesem Jahr ein Geschenk: 614 Euro, einfach so. Von 614 Euro könnte eine Familie ein Jahresticket für den Zoo bezahlen, sie könnte Spielzeug kaufen und neue Schuhe für die Kinder, und am Ende bliebe womöglich sogar noch etwas übrig, um die Urlaubskasse aufzustocken. Doch daraus, liebe Familien, wird leider nichts, denn in Deutschland regiert nicht die AfD, sondern die große Koalition. Und die kümmert sich nicht um Familien, sie kümmert sich vor allem um Flüchtlinge. Das zumindest behauptet ein Wahlkampf-Post der Alternative für Deutschland, der zuerst auf der Facebook-Seite des niedersächsischen AfD-Kreisverbands Gifhorn-Peine veröffentlicht wurde und in der vergangenen Woche im Netz kursierte.

Darin schlägt die AfD vor, Steuerüberschüsse aus dem Jahr 2016 nicht wie von der Regierung vereinbart für Flüchtlinge einzuplanen, sondern an Familien auszuzahlen. Konkret wären das "614,– Euro Familiengeld für jede deutsche Familie", schreibt die AfD. Daneben steht das Logo der Partei, im Hintergrund eine Familie mit lächelnden Kindern, dazu ein Slogan auf signalrotem Grund: "Bundesregierung weiß nicht mehr, wem sie dient".

Stimmt das? Dient die CDU-geführte Bundesregierung den Familien nicht mehr? Hat die Union ihren christlichen Markenkern, den Schutz von Ehe und Familie, vergessen? Und was ist eigentlich dran an der 614-Euro-Rechnung der AfD?

Die für die Flüchtlinge genutzten Überschüsse, auf die sich die AfD in ihrem Facebook-Eintrag bezieht, liegen bei 6,2 Milliarden Euro. Teilt man diesen Betrag durch 614, kommt man auf knapp 10,1 Millionen Familien. Das Statistische Bundesamt aber zählt in Deutschland nur 8,1 Millionen Familien, also Ehepaare, Lebensgemeinschaften und Alleinerziehende mit einem oder mehreren minderjährigen Kindern. Der Staat könnte unter diesen Familien also sogar noch mehr Geld verteilen.

Wie die AfD in Gifhorn-Peine ausgerechnet auf 614 Euro kommt, bleibt ihr Geheimnis. Auf die Fragen der ZEIT reagierte sie nicht: Welche Daten liegen der Berechnung zugrunde? Und was ist das überhaupt, eine "deutsche Familie"? Darüber war auf der Facebook-Seite der AfD Gifhorn-Peine ziemlich schnell eine hitzige Debatte entfacht. Müssen beide Elternteile deutsch sein? Was ist, wenn die Mutter Deutsche, aber der Vater Italiener ist? Als die AfD-Politiker im Verlauf der Diskussion in Erklärungsnot gerieten, löschten sie den Eintrag samt Diskussion. Eine AfD-kritische Internetseite hatte den Eintrag zuvor jedoch per Screenshot dokumentiert und verbreitet ihn nun im Netz – was der AfD Gifhorn-Peine eine bis dahin ungekannte mediale Aufmerksamkeit bescherte. Der stellvertretende Kreisverbandschef rechtfertigte sich bei Spiegel Online und empfahl, die Sache nicht so eng zu sehen.

Das alles klingt nach einer Posse aus den Niederungen der Partei – wäre da nicht der grundsätzliche Vorwurf, den die AfD öfter erhebt: Flüchtlinge profitieren, Familien kommen zu kurz. In Baden-Württemberg zum Beispiel veröffentlichte die AfD-Landtagsfraktion kürzlich eine Pressemitteilung mit dem Titel Viel Geld für Integration, wenig für Familien, eine Landtagsabgeordnete befand: "Die CDU hat die Familien einfach vergessen." Tatsächlich waren in einem einzelnen Posten des Haushalts Leistungen für Familien gekürzt worden – insgesamt jedoch waren sie deutlich gestiegen. Das AfD-nahe Magazin Compact brachte 2014 sogar ein Sonderheft heraus, Titel: Feindbild Familie. Der Chefredakteur fragte in seinem Blog: "Warum hilft der deutsche Staat Flüchtlingen, aber nicht deutschen Familien und Kindern?"

Hat der deutsche Staat die Familien tatsächlich "vergessen"?

Die Gesamtkosten für die Familienförderung sind schwer zu berechnen. Es gibt keinen zentralen Fördertopf, sondern viele verschiedene Leistungen von Bund, Ländern und Kommunen: Steuererleichterungen und Rentenvorteile, Geldtransfers wie das Kinder- und Elterngeld, aber auch Infrastruktur für Familien, Erzieherstellen oder Betriebskostenzuschüsse für Kindergärten zum Beispiel.

Laut den Daten der OECD sind die Ausgaben für Familien in Deutschland in den vergangenen Jahren konstant gestiegen. Ihr Anteil an der ebenfalls gestiegenen Wirtschaftsleistung ist seit 15 Jahren etwa gleich. 2013 lag dieser Anteil bei rund 3,2 Prozent. Im Vergleich zu anderen Industrieländern liegt Deutschland im guten Mittelfeld.

Aktuellere Daten gibt es nicht, doch bis heute habe sich dieser Trend fortgesetzt, sagt Martin Bujard, Familienpolitik-Experte am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden. Kürzungen bei den Leistungen für Familien habe es in Deutschland in den vergangenen Jahren kaum gegeben. Insbesondere bei der Kinderbetreuung werde sogar deutlich mehr gezahlt als früher. Dem Bundesfamilienministerium zufolge sind die Ausgaben für die Kindertagesbetreuung zwischen 2006 und 2015 von 11,1 auf 24,6 Milliarden Euro im Jahr gestiegen. Insgesamt waren dem Staat die wichtigsten familienbezogenen Leistungen im Jahr 2015 sogar mehr als 85 Milliarden Euro wert. Für 2016 liegen noch nicht alle Daten vor, aber die Ausgaben für die bereits erhobenen Posten sind noch einmal gewachsen.

Richtig ist also: Die 6,2 Milliarden Euro aus Steuerüberschüssen kommen den Flüchtlingen zugute, nicht den deutschen Familien. Dass die Familien vergessen wurden, ist falsch.

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