Angela Rinn ist habilitierte evangelische Theologin, Mitglied der EKD-Synode und Pfarrerin in Mainz-Gonsenheim. Unter dem Namen Vera Bleibtreu schreibt sie Krimis. © Harald Oppitz/KNA

Entdeckt habe ich sie, als ich in der Sakristeikommode nach einer Taufkerze suchte. Sie tarnte sich als etwas, was wir in unserer Familie immer als "Krusch-Schale" bezeichnet haben, also eine Schale, in der sich Reißzwecken, Pfennige aus D-Mark-Zeiten, Schnürsenkel und Heftklammern ein trautes Stelldichein geben. In der Krusch-Schale aus der Sakristeikommode hatte sich das angesammelt, was in einer Kirche so anfällt: Münzen aus fremden Ländern, die jemand in die Kollekte geworfen hat, Teelichte, Knöpfe und vergessene Lesebrillen. Dazu ein einzelner Damenhandschuh.

Trotz dieser Tarnung habe ich sofort gesehen, dass es sich um eine Silberschale handelt, das jahrelange Besuchen von Flohmärkten zahlt sich eben aus. Ich kippte den Inhalt der Schale auf den Tisch der Sakristei und entdeckte eine eingravierte Taube auf dem Boden der Schale, der Rand mit einer erhabenen Schrift ließ ertastend die Inschrift "Lasset die Kindlein zu mir kommen" erkennen. Ich ahnte schon, was sich wenig später als Gewissheit herausstellte, nachdem die Küsterin sich erbarmt und die Schale einer gründlichen Politur unterzogen hatte: Ich hatte die erste Taufschale unserer Kirchengemeinde entdeckt! Eine milde Gabe der Frauenhilfe aus Wiesbaden (ausgerechnet!) an die damals arme kleine neu gegründete evangelische Gemeinde in Gonsenheim. "1885" stand als Datum auf der Rückseite. 1902 wurde die Kirche gebaut und bekam ein festgemauertes Taufbecken. Die Schale von 1885 wanderte in die Schublade in der Sakristei, und irgendwann legte jemand den ersten Knopf und die erste Fremdmünze hinein. Die Schale geriet in Vergessenheit.

Bis zu diesem Tag mehr als einhundert Jahre später, als ich auf der Suche nach einer Taufkerze war. So ein bisschen wie bei "Dornröschen". Und ich war der Prinz! Der zudem einen neuen Einsatzort für das gute Stück fand. Denn in den letzten hundert Jahren hatte die Gemeinde nicht nur eine Kirche, sondern auch ein Gemeindehaus mit Gottesdienstraum gebaut. Bisher hatten viele Familien die Kirche für die Taufgottesdienste bevorzugt. Aber das änderte sich nun. Ich zeige nämlich den Eltern unsere Taufschale.

Es ist immer wieder ähnlich: Ganz vorsichtig fahren die Menschen mit dem Finger die Schriftzeichen am Rand nach, die Kinder entdecken die Taube auf dem Boden, und fast ehrfürchtig lesen die Erwachsenen die Inschrift: "Der Diasporagemeinde in Gonsenheim. 1885". "Wirklich so alt! Und wir dürfen unser Kind mit ihr taufen lassen!"

Richtig stolz schauen die Eltern dann ihre Kinder und die Schale an. Es ist, als adele die alte Schale die bevorstehende Taufe. Eine über hundertjährige Tradition wird fortgesetzt! Die Schale ist ja sogar älter als die Kirche! Neulich sagte eine Kirchenvorsteherin hoffnungsvoll: "Dann bin ich ja auch mit dieser Schale getauft worden, meine Taufe fand im Gemeindehaus statt!" Ich musste sie enttäuschen – die Dame ist doch deutlich jünger als einhundertfünfzehn Jahre.