Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Das moderne Forschungswesen kennt keinen blinden Fleck. Überall steckt die menschliche Neugierde ihre Nase hinein. Alles muss vermessen, verglichen, katalogisiert werden. Eine neue Studie erzählt nun beispielsweise davon, dass katholische Priester und Diakone im Osten dieses Landes zu leichtem Übergewicht neigen. Den Grund für die tendenzielle Adipositas der ostösterreichischen Seelenhirten haben die Studienautoren schnell ausmachen können: Die geistlichen Herren betreiben zu wenig Sport. Das scheint auf den ersten Blick erstaunlich, da das Leben eines Seelsorgers doch mit einigen sportlichen Dingen aufzuwarten hat. So muss der überlange Predigtdienst, zu dem ein Gottesmann heutzutage in ungeheizten Kirchen gezwungen ist, wenn er seiner Gemeinde ins Gewissen redet, durchaus als sportliche Herausforderung angesehen werden. Ebenso verlangt es erhebliche Ausdauer, den verlorenen Schäfchen zuzuhören, wenn sie von ihren Nöten und Versuchungen berichten, die sie immer wieder vom Weg des Herren abkommen und so häufig nicht mehr zurückfinden lassen. Noch erstaunlicher scheint da aus sozioklerikaler Sicht ein anderer Punkt zu sein, den die Studie aufzeigt: nämlich den problematischen Alkoholkonsum. Der Studienleiter fühlt sich sogar bemüßigt, jedem vierten Gottesmann ein vertrauliches Gespräch mit einem Arzt, also eine Beichtprophylaxe, zu empfehlen, um ein mögliches Suchtproblem rechtzeitig erkennen und bekämpfen zu können. Auch hier sind die Kirchensoziologen etwas zu schnell mit einer oberflächlichen Interpretation bei der Hand. Der Geistliche muss ja im eigentlichen Sinn des Wortes dem Geistigen zugetan sein und nicht aus falscher Askese auf halbem Wege haltmachen. Denn Wahrheit wohnt nicht nur dem Wein inne, sondern in ausgeprägtem Maß auch dem Hochgeistigen. Jener Spirit, den es beherbergt, ist ein wichtiger Katalysator für das Spirituelle. Und da Trinken, wie der Volksmund sagt, Leib und Seele zusammenhält, verhindert es sogar das Abdriften in das allzu Leibliche. Klingt paradox, aber so schließt sich der Kreis. Die Studie, mehr Epistel denn Evangelium, beklagt auch, dass es zu viele Gelegenheiten für Essen und Trinken im Dasein eines Seelsorgers gebe. Was jetzt? Sollen die Männer Gottes nun dem Volke nahe sein oder nicht? Und war es nicht einst ein Abendmahl, das von entscheidender Bedeutung für den Fortgang der Heilsgeschichte war? Wäre es den Gesundheitsaposteln vielleicht lieber, der Erlöser hätte damals an jenem denkwürdigen Abend sich bloß mit antiken Softdrinks gelabt und auf das Kraftprotein des Osterlammes verzichtet? Stattdessen Dinkelbrot gebrochen und Rohkostsaft gewandelt? Lassen wir also doch bitte die Kirche im Dorfwirtshaus!