Sie kennen doch sicherlich Karl Lagerfeld. Aber kennen Sie auch seine Katze? Sollten Sie unbedingt. Sie heißt Choupette, hat saphirblaue Augen, schneeweißes Fell und ihren eigenen Sitzplatz im Privatflieger. Choupette lässt sich gern neben Champagnerflaschen fotografieren und wurde unlängst in der New York Times porträtiert. Auf Instagram folgen ihr fast 100.000 Menschen.

Was noch gar nichts ist gegen Neville, den Bullterrier von Modedesigner Marc Jacobs. Neville kommt auf fast 200.000 Abonnenten. Beide werden nur noch übertroffen von Lady Gagas Hund Asia und ihren 236 000 Abonnenten. Auf ihrem Kanal zeigt sich Asia gerne in schwarzen Limousinen, beim Picknick im Park oder entspannt vor einem lodernden Kaminfeuer. Asia hat mehr Follower als Angela Merkel.

Zu Instagrams Tierstars zählen neben Promi-Haustieren auch domestizierte Elstern, hyperaktive Eichhörnchen oder merkwürdige Füchse. Es gibt Tiere mit eigener Klamottenlinie. Ein Igel aus Kanada lädt regelmäßig zum Meet & Greet und vertreibt Kalender mit seinem Bild.

Das Phänomen der Tierstars ist nicht neu, das gab es schon vor Instagram. Die Fernsehserie Lassie hat den Rüden Pal berühmt gemacht, der Kinofilm Flipper machte gleich fünf Riesentümmler zu Stars. In Deutschland wurde in den Neunzigern ein kleiner Schimpanse bekannt, als Hauptdarsteller der ZDF-Serie Unser Charly. Die tierischen Instagram-Stars unterscheiden sich jedoch von den Hochleistungstieren der letzten Generation: Sie können kein Auto fahren wie Charly, nicht Menschen retten wie Flipper, nicht Spuren lesen wie Lassie.

Sie leben – dank Internet – einen urmenschlichen Traum: Ruhm und Wohlstand ohne Talent, Überfluss ohne Anstrengung. Sie spiegeln jenes moderne Paradoxon, das man aus dem Casting- und Reality-Fernsehen kennt: Berühmt dafür werden, berühmt zu sein. So heißt das moderne Aufstiegsversprechen für alle Dackel, Katzen und Meerschweinchen: Jeder kann zum Star werden!

Nehmen wir die Hündin Marni, mit zwei Millionen Fans überflügelt sie noch die Promi-Tiere von Lagerfeld und Lady Gaga. Die New Yorkerin Shirley Braha adoptierte das verwahrloste Tier erst aus dem Heim, dann dokumentierte sie seinen schrägen Alltag auf Instagram. Und als sie merkte, wie gut die – immer etwas desorientiert wirkende – Marni ankam, kündigte Braha ihren Job, um sie fortan hauptberuflich zu managen. Denn wer auf Instagram mehr als 10.000 Abonnenten hat, ist ein sogenannter Micro Influencer, ab 100.000 zählt man zu den Großen und ist bei Firmen als Werbeträger begehrt.

Jetzt trägt Braha ihre Hündin über rote Teppiche und fährt sie zu Werbedrehs von Airbnb. Marnis Ruhm ernährt sie beide. Menschliche Stars wie Miley Cyrus oder Taylor Swift lassen sich mit ihr fotografieren. Ihre Merkwürdigkeit ist Kult: Marni hinkt, ihr Kopf hängt schief, und die Zunge hängt ihr aus dem Maul wie eine schlaffe Fahne.

Wäre Marni mit all ihren Makeln ein Mensch, sie würde vielleicht zum Mobbing-Opfer. Doch während sich in Realityshows – bei Dschungelcamp, Frauentausch und The Biggest Loser – in Anbetracht von ausgestellter Absonderlichkeit meistens Häme entlädt, können wir den Ruhm der Tiere neidlos anerkennen. Egal ob sie hässlich oder beschränkt sind, man erwartet von ihnen weder Norm noch Perfektion. Im Gegenteil: Je weiter diese Tiere von der Norm abweichen, desto mehr werden sie gefeiert.

Sie legen all jene edlen Züge in uns frei, an denen wir es im menschlichen Umgang so oft vermissen lassen: Akzeptanz von Schwäche, Großherzigkeit, erwartungslose Zuneigung.

Choupette nennt sich in ihrem Instagram-Profil übrigens "Karl Lagerfelds verzogene Chanel-Pussy". Wäre sie ein Mensch und keine Katze, hätte diese verwöhnte Luxusgöre wohl längst einen Shitstorm losgetreten.